Vom öffentlichen Gebrauch der Vernunft

Sept. - Dez. 2019

2019: Vom öffentlichen Gebrauch der Vernunft: Dahrendorf

Wie kaum andere haben Ralf Dahrendorf und Jürgen Habermas, beide geboren 1929, die öffentliche politische Debatten-Kultur geprägt – nicht nur in Deutschland, sondern europa-, ja sogar weltweit. Dahrendorf, auch durch sein parteipolitisches Engagement, stärker in den 1960er Jahren, dann wieder bis zu seinem Tod am 17.6.2009; Habermas mit doch deutlicher akademischem Gestus seit den 1970er Jahren. „Bildung ist Bürgerrecht“ lautete etwa eine Artikelfolge Dahrendorfs in der „Zeit“ aus dem Jahr 1965; und ohne die Intervention von Habermas 1986 hätte es wohl nicht den „Historiker-Streit“ gegeben, also die gerade in Tageszeitungen geführte Kontroverse über die Singularität der Shoah sowie der anderen Verbrechen des Nationalsozialismus. Beide haben immer für Europa gestritten, auch wenn sie den faktischen Zustand der EU auf das Schärfste kritisierten. Und beide haben – immer in wechselseitigem Respekt – miteinander gestritten: Denn ihre Vorstellungen von Bürgergesellschaft, von Partizipation und Teilhabe der Bürgerinnen und Bürger an den politischen Entscheidungsprozessen in ihrem Gemeinwesen waren höchst unterschiedlich.
Auch wenn die Kluft zwischen den streitenden Parteien noch so groß war – für Dahrendorf und Habermas stand immer die zu verhandelnde Sache im Mittelpunkt sowie die Gründe, die für oder gegen eine bestimmte Entscheidung sprachen; dem anderen ins Wort fallen, ihn niederzubrüllen oder als Person zu diskreditieren wie es heute weithin üblich ist, kam für sie nicht in Frage. Allerdings setzte Habermas auf ein rein rationales Verhalten der streitenden Parteien mit dem Ziel, im idealen Fall einen Konsens, faktisch einen jederzeit revidierbaren Kompromiss zu erreichen. Für Dahrendorf dagegen ging es um eine Kultur des Streitens, die durchaus emotional und leidenschaftlich geführt werden können sollte. Die Bürgerinnen und Bürger sind nicht verpflichtet, mit ihrer Kritik zugleich auch Lösungen vorzuschlagen; sie sollen und sie dürfen aber ihre Empörung, ihren Unmut, ihren Widerspruch ausdrücken. Denn – so Dahrendorf – es ist Aufgabe der politischen Institutionen, diesen Protest produktiv in andere, neue Entscheidungen und Gestaltungen umzusetzen. Dies markiert einen weiteren, wichtigen Unterschied zur Theorie von Habermas, bei dem das Thema der Institutionen eher am Rande behandelt wird.
Gerade angesichts der Polarisierungs- und Extremisierungsprozesse weltweit, des Umschlagens emotional vorgetragenen Protests in Hass und Gewalt ist eine Diskussion der Vorschläge von Dahrendorf und Habermas, auch wenn sie in deutlich anderen Zeit-Kontexten mit anderen Problemlagen verfasst wurden, von hoher Aktualität. Dies gilt auch für den 1967 in Wien gehaltenen Vortrag von Theodor W. Adorno zu „Aspekten des neuen Rechtsradikalismus“. So antwortete Adorno auf die Frage, wie es mit dem Rechtsradikalismus weitergehen werde: „Wie diese Dinge weiter gehen und die Verantwortung dafür, wie sie weitergehen, das ist in letzter Instanz an uns.“ Im gemeinsamen Gespräch will die Veranstaltungsreihe diese Handlungsaufforderung aufgreifen und diskutieren, angeregt durch die drei Autoren und bezogen auf unser städtisches Gemeinwesen, Stuttgart.

Veranstaltungsübersicht

Protest – Konflikt – Konsens

Eine Einführung in die Lebensthemen von Ralf Dahrendorf und Jürgen Habermas

Mittwoch, 25. September 2019, 19:00 Uhr

Irgendwie und irgendwo zwischen Politik und Wissenschaft

Der schwierige Ort des Intellektuellen

Mittwoch, 16. Oktober 2019, 19:00 Uhr

„Aspekte des neuen Rechtsextremismus“

Aktualität und Grenzen von Adornos Analyse

Mittwoch, 13. November 2019, 19:00 Uhr

„Unruhe ist erste Bürgerpflicht“

Auf dem Weg zur Bürgergesellschaft

Mittwoch, 11. Dezember 2019, 19:00 Uhr

Alle Veranstaltungen finden im Stiftungssaal, 1. Stock, der Stiftung Geißstraße statt.

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