"Unruhe ist die erste Bürgerpflicht"

Auf dem Weg zur Bürgergesellschaft

Mittwoch, 11. Dezember 2019, 19:00 Uhr
STIFTUNG GEISSSTRASSE 7, STIFTUNGSSAAL, 1. STOCK

Verstand sich Dahrendorf zunächst uneingeschränkt als Liberaler, so wurden ihm gerade auch durch sein Engagement in der FDP die Unvereinbarkeit seines Verständnisses von Liberalismus als Sozialliberalismus mit dem Nationalliberalismus eines Erich Mende und dem Wirtschaftsliberalismus deutlich, der sich in der FDP in den 1980er Jahren durchsetzte. Und die desaströsen Folgen eines ungezügelten Wirtschaftsliberalismus erfuhr er in England unter der Regierung von Margaret Thatcher. Zugleich wurde ihm in dieser Zeit schlagartig bewusst, dass „Staatsbürger“ eine völlig unzutreffende Übersetzung von „citizen“ ist. Mit diesen Erfahrungen veränderte sich zunehmend stärker das politische und theoretische Selbstverständnis Dahrendorfs. In einer Vielzahl von Analysen und Essays umkreiste er in immer wieder neuen Anläufen die Themen von „Bürger“, „Bürgerschaftlichkeit“ und „Bürgergesellschaft“. Nur wenn es diese gäbe, könne ein drohender neuer Totalitarismus und Autoritarismus verhindert werden. Dabei dürfe die Bürgergesellschaft nicht verwechselt werden mit einer homogenen Einheit, in der sich der Allgemeinwille (Rousseau) bildet und die im problematischen Sinne von „direkter Demokratie“ für alle Einzelwillen verbindliche Entscheidungen trifft. Vielmehr sei die Bürgergesellschaft ein höchst unübersichtliches Gewusel verschiedenster, mehr oder weniger großer, mal miteinander kooperierender, ein andermal miteinander streitender Assoziationen, die aber zusammen mit politischen Institutionen in diesem Gemeinwesen den fruchtbaren Boden einer lebendigen, sich immer weiter entwickelnden Demokratie abgeben. Diesen republikanisch gewordenen Dahrendorf gilt es erst noch zu entdecken. Dazu lädt die Veranstaltung ein.

Die Veranstaltung ist Teil der Reihe

Vom öffentlichen Gebrauch der Vernunft

Gerade angesichts der Polarisierungs- und Extremisierungsprozesse weltweit, des Umschlagens emotional vorgetragenen Protests in Hass und Gewalt ist eine Diskussion der Vorschläge von Dahrendorf und Habermas, auch wenn sie in deutlich anderen Zeit-Kontexten mit anderen Problemlagen verfasst wurden, von hoher Aktualität. Dies gilt auch für den 1967 in Wien gehaltenen Vortrag von Theodor W. Adorno zu „Aspekten des neuen Rechtsradikalismus“. So antwortete Adorno auf die Frage, wie es mit dem Rechtsradikalismus weitergehen werde: „Wie diese Dinge weiter gehen und die Verantwortung dafür, wie sie weitergehen, das ist in letzter Instanz an uns.“ Im gemeinsamen Gespräch will die Veranstaltungsreihe diese Handlungsaufforderung aufgreifen und diskutieren, angeregt durch die drei Autoren und bezogen auf unser städtisches Gemeinwesen, Stuttgart. Lesen Sie hier weiter.

Michael Weingarten moderiert und begleitet die Diskussion inhaltlich. Er studierte Philosophie, Literaturwissenschaft, Politik und Soziologie in Marburg und Frankfurt/Main. 1989 promovierte er in Philosophie zu Grundproblemen der Evolutionstheorie. Seit 1989 ist er Lehrbeauftragter im Fach Philosophie an der Universität Marburg. Von 1980 bis 1999 arbeitete er in der Arbeitsgruppe Kritische Evolutionstheorie am Forschungsinstitut Senckenberg. 2002 war er wissenschaftlicher Leiter des TheorieLabors an der Universität Jena. Bis 2019 war er Dozent für das Ethisch-Philosophische Grundlagenstudium (EPG) als Teil des Lehramtsstudiums in Baden-Württemberg an der Universität Stuttgart.
Seine Arbeitsschwerpunkte sind Wissenschaftstheorie und Wissenschaftsgeschichte der Biowissenschaften, Hermeneutik und Sozialphilosophie.

Eine Veranstaltungsreihe der Stiftung Geißstraße zusammen mit dem Hannah-Arendt-Institut für politische Gegenwartsfragen Stuttgart

Bitte melden Sie sich an, da wir nur eine begrenzte Anzahl an Sitzplätzen haben. Wir bitten um Spenden für unsere Arbeit. Vielen Dank.