Fritz von Graevenitz in der NS- und Nachkriegszeit

Ein Stuttgarter Künstler

Beim Nachdenken über „toxische Denkmäler“ in der Stadt sind wir auf den Künstler Fritz von Graevenitz gestoßen:
Bildender Künstler, Direktor der Akademie der Bildenden Künste Stuttgart bis 1938-45, familiär verbunden den Familien v. Weizsäcker und Bosch, Schöpfer zahlreicher Skulpturen im öffentlichen Raum in Stadt und Land.
Graevenitz hat sich in Schrift und bildnerischem Schaffen früh den Nationalsozialisten angedient, er hat Hitler, den Krieg und das Volkstum in seinen Werken verherrlicht. Die Nazis haben ihn früh protegiert, Hitler nahm ihn noch 1944 in die Liste der Gottbegnadeten als unersetzbaren Künstler auf.
Graevenitz hat neben dem Schloss Solitude ein eigenes Museum – das einzige Museum in Stuttgart, das nur einem Künstler gewidmet ist. Die Ausstellung umgeht die problematische Nähe des Künstlers zur NS-Ideologie.
Nach dem Zweiten Weltkrieg gestaltete er zahlreiche weitere Werke und Gefallenendenkmäler wie z.B. den Gerlinger Löwen.

Der Gerlinger Löwe, Mahnmal für die Gefallenen, 1953

Am Sockel des Löwen wurde ein Teil der Friedrich-Schiller-Ode “Das Siegesfest” auf Vorschlag de NS-Germanisten Hermann Pongs zitiert.

“Der für seine Hausaltäre/
kämpfend sank, ein Schirm und Hort,/
auch in Feindes Munde fort/
lebt ihm seines Namens Ehre./
Drum erhebe frohe Lieder,/
wer die Heimat wiedersieht,/
wem noch frisch das Leben blüht!/
Denn nicht alle kehren wieder.”

Der Gerlinger Löwe, Mahnmal für die Gefallenen, 1953
© own work from Harke, Creative Commons 3.0, attribution required (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Gerlinger_L%C3%B6we_Schlossberg_(2).jpg)

Ein weiteres Beispiel:

Gedenktafel für die Kriegsopfer an der evangelischen Petruskirche, Gerlingen
Die Inschrift:

“Denn über der Erde wandeln/
Gewaltige Mächte,/
Und es ergreifet ihr Schicksal/
Den, der es leidet und zusieht,/
Und ergreift den Völkern das Herz.”

Friedrich Hölderlin (aus „Hymnische Entwürfe“)

Gedenktafel für die Kriegsopfer an der evangelischen Petruskirche, Gerlingen
© own work from Harke, Creative Commons 3.0, attribution required (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Gedenktafel_Petruskirche.jpg)

Lebensdaten 1935-1945

  • 1935: Porträt Adolf Hitlers
  • 1936: Bronzebüste von Adolf Hitler in Stuttgarter NS-Schau „Schwäbisches Kulturschaffen der Gegenwart“. Goebbels begleitete diese Kunstschau mit einer Großveranstaltung.
  • 1937: Berufung als Lehrer für Bildhauerei an die Stuttgarter Akademie der Bildenden Künste
  • 1938: Ernennung zum Direktor, systemkonforme Äußerungen und Leitbild der Akademie.
  • Ab 1940: mehrfach in den Großen Deutschen Kunstausstellungen ausgestellt
  • 1943: Die Wiener Ausstellung Junge Kunst im Deutschen Reich zeigt fünf seiner Werke, darunter eine Porträtbüste von Christian Mergenthaler.
  • Aug. 1944: Aufnahme in die Gottbegnadeten-Liste durch Adolf Hitler
  • Dez. 1945: „auf seinen Antrag“ in den Ruhestand versetzt

Graevenitz und das Dritte Reich

Wir haben eine Fülle eindeutiger Belege gefunden, die seine Verehrung für die Person Adolf Hitler und seine Glorifizierung des Krieges verdeutlichen.

Nachkriegszeit

Nachdem er die Akademie verlassen musste, arbeitete er weiter auf der Solitude, vorzugsweise für die öffentliche Hand. Er modellierte nun nicht mehr Büsten von Nazi-Größen (1943: Büste von Christian Mergenthaler, 1935/36: Büste Adolf Hitler) oder riesige Reichsadler mit Hakenkreuz (Reichsadler [6 Meter Spannweite], Bronze, 1938, Königsberg i. Pr., Erich-Koch-Platz (gefertigt in Süßen BW), sondern den Kopf von Robert Bosch. Und 1951 sogar den von Eugen Bolz (zur digitalen Ansicht der Büste). Genau der steht heute prominent im Foyer des Landtags von Baden-Württemberg, eine Replik befindet sich im Staatsministerium.

1935 durfte Graevenitz aus nächster Nähe Adolf Hitler porträtieren und es entstand die Bronzebüste. Außerdem fertigte er den riesigen Adler (6m Flügelspannweite) mit Hakenkreuzornat für den Erich-Koch-Platz in ehemals Königsberg, heute Stadion Baltika (Kaliningrad).
Die Fotos zeigen eine Auswahl unserer Recherche-Ergebnisse, die Quellen finden sich entsprechend in den Literaturangaben.
1935 durfte Graevenitz aus nächster Nähe Adolf Hitler porträtieren und es entstand die Bronzebüste. Außerdem fertigte er den riesigen Adler (6m Flügelspannweite) mit Hakenkreuzornat für den Erich-Koch-Platz in ehemals Königsberg, heute Stadion Baltika (Kaliningrad).
Die Fotos zeigen eine Auswahl unserer Recherche-Ergebnisse, die Quellen finden sich entsprechend in den Literaturangaben.
Die Fotos zeigen eine Auswahl der Recherche-Ergebnisse, die Quellen finden sich entsprechend in den Literaturangaben.
Literatur: Müller, 2012 (Diss.), S. 300f., Graevenitz, Werden und Werk, 1939, Abb. 1 und 34.

Fragwürdig erscheint uns heute der Auftrag an Graevenitz, eine Bolz-Büste zu fertigen.
Ausgerechnet von Eugen Bolz, dem Staatspräsidenten und widerständigen Demokraten, der noch im Januar 1945 auf Freislers Geheiß geköpft wurde! Wie konnte man, wie kann man bis heute einem Unterstützer des Nazi-Regimes das Recht des Gedenkens an das Opfer überlassen?
Der opportunistische Wille zur Verdrängung des Nachkriegsdeutschlands besteht im Falle Graevenitz bis heute. Er ist Ehrenbürger von Gerlingen, das Museum mit der harmlosen Rehskulptur wird kritiklos, auch von der Stadt Stuttgart, touristisch beworben.
Eine Stuttgarter Zeitung schwärmt noch anlässlich seines 60. Todestages vom Museum als „idyllischen Rückzugsort, dessen mächtige Mystik die Besucher heute noch ergreift.“ (St. Z. 20.05.2019)

Graevenitz-Museum
Ehemaliges Wirtschaftsgebäude (heute Graevenitz-Museum) Solitude 24; Teil der Sachgesamtheit “Solitude mit Nebengebäuden, Alleen, Friedhof, und See” bei Stuttgart. Geschützt nach § 2 DSchG. Vermieterin ist das Land Baden-Württemberg, Mieterin die Graevenitz-Stiftung, die auch das Museum betreibt. © own work from Zinnmann, Creative Commons 3.0, attribution required (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:20170526_-_Solitude_24.jpg)

Unsere Absicht

Die Stiftung Geißstraße befasst sich mit Erinnerung und Erinnerungskultur. Durch Publikationen und Projekte wie der Initiierung der Gedenkstätte „Zeichen der Erinnerung“ oder des Joseph-Süß-Oppenheimer-Platzes, durch Vorträge und Veranstaltungen.
Die Stiftung Geißstraße möchte eine Graevenitz-Rezeption ohne mächtige Mystik. Seine Vergangenheit, seine Verstrickungen und seine Verdienste sollen kommentiert werden und wissenschaftliche Verweise sollen den Weg in die Rezeption finden.
Die Stiftung Geißstraße wünscht sich einen Dialog, die Auseinandersetzung und eine sachliche, offene Rezeption.
Wir werden den Prozess in Veranstaltungen und Kulturspaziergängen zum Thema begleiten.

Das
Die Stadt Tuttlingen sucht in einem offenen Bürgerdialog den richtigen Umgang mit dem Kunstwerk im öffentlichen Raum und der Biographie des Künstlers. © own work from Donautalbahner, Creative Commons 3.0, (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Schneckenburger_Denkmal.jpg)
Landtagspräsidentin Muhterem Aras hinter der Büste Eugen Bolz im Landtag in Stuttgart.
Landtagspräsidentin Muhterem Aras hinter der Büste Eugen Bolz im Landtag in Stuttgart. © arge lola

Pressespiegel

Blogbeitrag der Vogtpost zu Graevenitz Kunst im öffentlichen Raum in Stuttgart. (Link zum Blog zu Graevenitz’)

Andreas Langen: NS-Künstler im öffentlichen Raum? Überfällige Debatte zu Fritz von Graevenitz beginnt, aus der Sendung Journal am Mittag, SWR2 vom 21.2.2022 12:33 Uhr. (Link zur Sendung)

Ulrich Feldhahn: Wogenprall, Wogenglättung – NS-Kunst im öffentlichen Raum, veröffentlicht auf LinkedIn am 16.2.2022. (Link zum Beitrag)

Literatur und weiterführende Links

Im Internet:

Der Internetauftritt des Graevenitz-Museums:

Primärliteratur:

  • Graevenitz, Fritz v.: Bildhauerei in Sonne und Wind, Stuttgart 1935.
  • Ders.: Wer Künstler werden will… In: Akademie der Bildenden Künste Stuttgart, Stadt der Auslandsdeutschen, Stuttgart 1939.
  • Ders.: Werden und Werk, Stuttgart 1939.
  • Ders.: Kunst und Soldatentum, Stuttgart 1940.
  • Ders.: Höchenschwander Tagebuch, Stuttgart 1943.
  • Ders.: Plastik, Malerei, Graphik, Stuttgart 1980 (2. Aufl.).

Sekundärliteratur:

  • Die Liste der „Gottbegnadeten“. Künstler des Nationalsozialismus in der Bundesrepublik, hrsg. v. Wolfgang Brauneis und Raphael Gross, München 2021.
  • Hesse, Wolfgang: Gesinnung bildhauerisch. Fritz von Graevenitz’ „Mutter Heimat“, in: Stuttgart im Dritten Reich. Die Machtergreifung, 1983, S. 47-49.
  • Hüppauf, Bernd: Schlachtenmythen und die Konstruktion des „Neuen Menschen“, 1993.
  • Müller, Julia: Der Bildhauer Fritz von Graevenitz und die Staatliche Akademie der Bildenden Künste Stuttgart zwischen 1933 und 1945, Stuttgart 2012 (Diss.).