Zahlreiche Großprojekte werden das Stuttgarter Stadtbild in den kommenden Jahren verändern. Stiftung Geißstraße und Stuttgarter Zeitung haben sechs Architekten eingeladen, über ihre Visionen zur Zukunft der Stadt zu sprechen. Die Beiträge der Teilnehmer werden wir in loser Folge veröffentlichen.
Die nachhaltige Verbesserung des Öffentlichen hätte in Stuttgart allem anderen vorauszugehen. Aber den Schwaben fehlt offenbar das urbane Gen.
Nach Visionen werde ich gefragt, nach Visionen für Stuttgart. Wer nachliest, was das Wort „Vision” bedeutet, wird belehrt, es handele sich hierbei um eine übernatürliche Art des Auffassens, um im Traum, in Trance oder gar Ekstase Erlebtes, auch um eine Halluzination, in der weitreichende Zukunftsvorstellungen entwickelt werden.
Man kann sich angesichts der aktuellen Situation fragen, ob denn die beiden Dinge überhaupt zusammenpassen: Stuttgart auf der einen, die Visionen auf der anderen Seite. Und man wird schnell zu der Erkenntnis gelangen: nein, diese Stadt spiegelt, was ihre räumliche Beschaffenheit betrifft, also ihre Straßen und Plätze, ihre Gärten und Anlagen, nirgendwo die Umsetzung einer Vision wider. Die Stadt ist vielmehr ein typisches Beispiel für etwas Gewordenes, fern jeder Überlegung, das Ergebnis eines realisierten Traumes zu sein.
Das ist auch der deutliche Unterschied zu ihrer badischen Konkurrenz, zur Stadt Karlsruhe. Dort nämlich findet sich die geplante Stadt, der berühmte Grundriss, sternförmig gezeichnet nach dem Willen des barocken Fürsten. Gebauter Traum im wahrsten Sinn des Wortes. Später konsequent und geradezu genial weiterentwickelt von Friedrich Weinbrenner, der übrigens mehr noch als Schinkel zuerst die Stadt sah, um danach zum Haus zu kommen. Genial ist sein Konzept deshalb, weil es ihm in seinen Plänen gelingt, der barocken Macht jene des neuen Bürgertums entgegenzustellen.
Um dies zu bewerkstelligen, entwickelt er zuerst den von Bürgerhäusern gefassten öffentlichen Raum. Die Gebäude, die auf einem einheitlichen Grundtypus beruhen, jedoch einen Spielraum des Schmuckes zulassen, stehen Schulter an Schulter oder besser gesagt, sie nehmen sich an den Händen. Eine klammheimliche Umkehrung der Vision der Fürstenstadt ist somit entstanden, eine gesellschaftliche Vorstellung der Gewaltenteilung, die in der Stadt nun Gestalt gewonnen hat.
Demgegenüber kann man Stuttgart nur das Prädikat einer „Zufallsgeburt” verleihen. Die oft zitierte Frage: „Welcher Idiot kam auf die Idee, in dieses Loch eine Stadt zu bauen?”, die laut Max Bächer auf Heinz Wetzel zurückgeht, bezeichnet den Schatten, der untrennbar mit dieser Stadt verbunden ist. Sie ist damit nicht schlechter oder besser als ihre badische Cousine, über die es ja auch in der Geschichte sehr unterschiedliche Urteile gab. Kleist soll etwa die Helle und Weite der Karlsruher Straßenräume gelobt haben, während Corbusier gerade diese Stadt als langweilig aburteilte.

Plan von Thouret: man sieht die zwischen Altem und Neuem Schloss hindurchführende Baumallee (links der Bildmitte), die Bürgerstadt und Hof verbinden sollte.
Foto: Lederer
Es ist wohl wahr: Stuttgart scheut die Vision wie der Teufel das Weihwasser. Es könnte aber der Grund dafür sein, dass durch die Abwesenheit gebauter Visionen ein guter Nährboden für die Kreativität der Köpfe, die im Kessel lebten und leben, gegeben ist. Wenn die Stadt nicht in der Lage ist, große Sprünge zu machen, dann muss dies der Geist eben ausgleichen. Man hat es hier, was die Architektur und den Städtebau betrifft, immer mit Solisten zu tun, nie mit Orchesterspielern. Das kennzeichnet die gesamte Situation, vor allem die Jahre nach dem Krieg. In Stuttgart jedenfalls kommen diese Dinge nie zusammen.
Wer sich die Mühe macht nachzuschauen, an welchen Orten und zu welchen Zeiten versucht wurde, städtebauliche Visionen einer Realisierung zuzuführen, sieht sich einem Scherbenhaufen gegenüber. Scheitern sowohl zugunsten wie auch zuungunsten der Stadt. Allein der Stadtplan entzieht sich dem Versuch, ihn in die richtige Himmelsrichtung zu drehen. Theoder-Heuss-, König- oder Konrad-Adenauer-Straße empfinden wir als Achsen, die von Ost nach West verlaufen, und wir sprechen vom Nord- und Südflügel des Bahnhofes, was kartografisch nicht ganz richtig ist. Dass wir uns aber darüber, was die Lage der Flügel betrifft, keine Gedanken mehr machen müssen, dürfte der einzige Vorteil des geplanten Abrisses sein.
Balthasar Neumann, einen der besten Architekten des Barock, hatte der Herzog gerufen, um einen Plan für das neue Schloss auszuarbeiten. Mit dem Haus hätten wir heute keine Mühe, als Weltkulturerbe der Unesco geführt zu werden. Noch besser aber war der Plan, die Anlage, die es mit Würzburg aufgenommen hätte, mit ihrem Ehrenhof zur Altstadt hin zu öffnen. Der Hang der Stuttgarter zur Bescheidenheit, was auch bedeutet, erstklassige Ideen auf den Durchschnitt zu trimmen, bescherte uns die heutige Lösung. Es ist ja nicht schlecht und im Übrigen ein Segen, dass sich die visionären Architekten mit ihrer Forderung nach einem Abbruch in den ersten Nachkriegsjahren nicht durchgesetzt haben. Aber der ganz große Wurf, weshalb man eine Reise nach Stuttgart machen würde, ist es sicher nicht. Vielleicht ist es gerade diese Mittelmäßigkeit, die es zulässt, dass die Mehrzahl der Räume der banalen Beheimatung von Beamten dient.
Hinter dem Schloss hatte der Herzog eine nicht minder visionäre Einrichtung gebaut: die Akademie, Kaderschmiede zur Heranbildung einer Elite. Beide – Schloss mit Schlossplatz und Akademie – bildeten also das Gegenüber von Altstadt und Altem Schloss. Nun war es Thouret, der die Vision hatte, den Graben zwischen Hof und Bürgerstadt über einen gemeinsamen Raum zu verbinden. Er zeichnete eine mehrreihige Allee, die den Raum der heutigen Planie einnahm. Wie bestechend dieser nun wirklich großstädtische Achse zu nennende Platz- und Straßenraum war, begriff sowohl sein Konkurrent Salucci wie auch dessen Nachfolger Gab, die die beiden Enden des Korridors mit dem Wilhelmspalais und dem Kronprinzenpalais besetzten.
Aber auch hier beweist sich das ungeheure Geschick der Schwaben, es bei der Architektur oder dem Städtebau um Gottes willen nicht zu weit kommen zu lassen. Der Raum mit den Gebäuden entstand zwar, nicht aber die Thouret“sche Idee einer Allee, die sich mit den berühmten Beispielen der europäischen Städte hätte messen können. Vielleicht liegt es auch an der sprichwörtlichen Eigenschaft des Eigenbrötlertums, die unserem Menschenschlag nachgesagt wird.
Während diese Eigenschaft durchaus positive Auswirkungen hat, wie zum Beispiel die Unbeholfenheit beim Angeben oder der Herausbildung einzelner Individualitäten, geht uns der Sinn für die Res publica – und damit das Gespür für den öffentlichen Raum – verloren. Wer sich Thourets Plan genau vor Augen führt und sieht, wie hier ein öffentlicher Raum gedacht war, der die leicht zueinander gedrehten Gebäude zu einem in sich harmonisch schwingenden Raum vereinigt, kann nur mit Staunen feststellen, wie die Stadt nach dem Krieg dieses Juwel zugunsten einer anderen Vision aufgeben konnte: die der Umwidmung vielfältig genutzter Straßen und Plätze in autogerechte Verkehrsflächen.
Allein der Begriff des Individualverkehrs, für den man sich leichtfertig, aber auch mit nahezu religiösem Fanatismus vom Gemeinsamen verabschiedete, zeigt das Ungleichgewicht, das bis heute die Stadt bestimmt. Hier die Stadt, deren Erscheinung durch die Masse der individuellen Häuser geprägt ist, dort – wie in Karlsruhe, Berlin oder Prag – die Überlegung, zunächst den öffentlichen Raum zu bestimmen, an dessen Grammatik sich die zu bauenden Gebäude zu orientieren haben.
Wer als Fremder Stuttgart besuchen will und sich zur Reisevorbereitung zunächst einmal einen Stadtplan zu Gemüte führt, wird über die große Zahl an Plätzen erstaunt sein: Rotebühlplatz, Berliner Platz, Georg-Kiesinger-Platz, Gebhard-MüllerPlatz, Österreichischer Platz, Leipziger Platz usw. Man darf gewiss sein, dass das Staunen vor dem realen Ort, dem städtischen Platz, kein Ende haben wird. Vor allem, wenn der Gast zum Beispiel über Fellbach in die Stadt rollt, entlang einer Achse, die einst kilometerlang von Pappeln gesäumt war, um dann mit dem Cannstatter Wilhelmsplatz einen ersten Eindruck zu erhalten, was man hier unter öffentlichem Raum versteht.
Es hat den Anschein, als fehle uns das Gen, das für das Empfinden von öffentlichem Raum zuständig ist. Denn auch bei den zweifellos schönen Räumen, die wir hier haben, zeigt sich in deren Nutzung die Abwesenheit für das urbane Empfinden, was die Qualität von Plätzen ausmacht. Die Art, wie der Schlossplatz bespielt wird, sagt etwas über die Wertigkeit, die wir der besten Wohnstube unserer Stadt beimessen. Als hinge das wirtschaftliche Wohl von den Einnahmen aus Wurstständen oder Eislaufbahnen ab. Dabei wird es doch eher umgekehrt sein, denn langfristig tragen Plätze, die ausschließlich dem Gemeinwohl dienen, wozu die Kultur zu zählen ist, zum wirtschaftlichen Wohlergehen der Stadt bei.
Eine Eislaufbahn auf dem Markusplatz in Venedig, Fresszelte auf dem römischen Kapitolsplatz oder Dauerbeschallung durch unterländische Feuerwehrkapellen auf dem Domplatz in Salzburg: undenkbar. Dabei sind es gerade diese Plätze, die Geld in die Kassen der Gemeinden spielen. Die Stadt braucht langfristig ökonomiefreie Zonen, um an Wertigkeit zu gewinnen. Wir sprechen hier vom urbanen Kapital, über das eine Stadt verfügt und das in unserem Falle, den öffentlichen Raum betreffend, nicht gewinnbringend angelegt ist.
Es wäre aber zu einseitig, die Kritik nur auf die Überbewertung von Wirtschaft und Verkehr zu fokussieren. Wer sich in Stuttgart planend mit dem öffentlichen Raum auseinandersetzt, sieht sich einer Armada von Personen gegenüber, die jeder für sich wiederum ein Bündel von Vorschriften und Normen geltend machen. Natürlich, alle Anliegen sind für sich genommen verständlich. Aber es gibt natürlich auch eine Reihe von Gutfächern, deren Berücksichtigung die politische „Correctness” gebietet. Während der Automobilverkehr per se hinsichtlich der Planung zum Feindbild einer guten Platzgestaltung zählt, hat beispielsweise der Verteidigungsminister für Bäume immer den Mantel des Gutmenschen an. Bäume, vor allem in Stuttgart, sind noch heiliger als die indischen Kühe. Ihnen steht jeder Platz zur Verfügung, ob sie nun etwas mit dem räumlichen Gefüge zu tun haben oder völlig verquer im Raum stehen. Ich möchte gerne ein Beispiel aus unserer eigenen Erfahrung heranziehen.
Anlässlich des Wettbewerbs für die Um- bzw. Neuplanung des Hospitalhofes wurde uns dieser Zusammenhang bewusst: Das Viertel ist ja nicht gerade ein Vorzeigestück schwäbischer Stadtbaukunst und Architektur. Es dient, so gewinnt man den Eindruck, einmal dem Parksuchverkehr, wie es andererseits auch alles dafür tut, dass man es möglichst rasch durchquert. Aus den historischen Plänen lernten wir, dass das Kloster, das sich leicht aus den Achsen der Straßenkanten herausdrehte, so etwas wie einen Mittelpunkt des Quartiers darstellte. Dies umso mehr als die Geschichte zum einen sehr eng mit der Reformation verbunden ist, zum andern – was weit weniger bekannt ist – ein Großteil der Stuttgarter Juden von hier aus in die Konzentrationslager verschleppt wurde. Es könnte also neben dem geistigen, geistlichen und geschichtlichen Mittelpunkt auch so etwas wie ein städtebauliches Zentrum darstellen.
Kommt man im Sommer von der Innenstadt aus zum Hospitalhof, wird man die Kirche überhaupt nicht wahrnehmen, weil sie ringsum hinter einem dicken Laubwald versteckt ist. Die umgebenden Gebäude, nicht gerade Perlen der modernen Architektur, stehen mit ihren Fassaden dagegen frei sichtbar zu den umgebenden Straßen. Es gibt nun zwei Möglichkeiten der Interpretation, warum das so ist. Entweder, der Grünplaner hat sich gar nichts gedacht und auch kein Verständnis für den Stadtraum, oder er hat vorsätzlich die Lesbarkeit von Geschichte zu verhindern versucht, wozu nicht nur das Denkmal für die Reformation oder das Haus selbst mit seiner Geschichte gehört, sondern auch die Ruine als Mahnmal für den Krieg und die Zerstörung. Aber vielleicht ist ihm auch entgangen, dass Architektur und Stadt auch als das kollektive Gedächtnis eines Gemeinwesens bezeichnet werden können. Das aber ist nur ein Beispiel, wie an vielen Stellen Grünplanung und Stadtraum autistisch nebeneinander hergehen – zum Schaden des Gesamten.

Stuttgart in seinem Talkessel ist eher Zufallsgeburt als Ergebnis planerischer Visionen – Aquarellskizze des Autors.
Zeichnung: Lederer
Bevor wir uns also darüber unterhalten, was Visionen für diese Stadt bedeuten, halte ich es für unabdingbar, zunächst das Verhältnis zum öffentlichen Raum, zu unseren gemeinsamen Zimmern und Fluren gründlich zu überdenken. Wer anderer Meinung ist, der sollte sich die Mühe machen, den Weg zwischen Charlottenhochhaus bis zur Staatsgalerie zu nehmen – nicht oben, sondern unten, entlang der wirklich üblen Garagenzufahrten – und sich Gedanken machen, was die früheren Politiker bewogen hat, diesen Streifen „Kulturmeile” zu taufen. Er möge dasselbe in Paris machen, an den Boulevards, allen voran den Champs-Élysées, die schätzungsweise dieselbe Zahl an Automobilen zu verkraften haben wie unsere Prachtmeile.
Wer über miserable Architektur in der Stadt lamentiert, dem muss klar sein, dass vom privaten Bauherrn nur so viel Kultur erwartet werden kann, wie Stadt und Land bei Bau und Unterhalt öffentlicher Räume vorgeben, angefangen von den Schildern und Leuchten, den baulichen Anlagen bis hin zur Bewirtschaftung. Das also wäre meine Vision: die nachhaltige Verbesserung des Öffentlichen, um damit Voraussetzung für den Rest der Stadt zu schaffen, nach dem Leitsatz: „Zuerst die Stadt, dann das Haus, zuerst die Stadtplanung, dann die Architektur.”
Es ist im Übrigen auch der Umstand, der im großen Streit dieser Stadt gänzlich außer Acht gelassen wurde: Auch die bittersten Gegner müssen sich damit abfinden, dass Stuttgart 21 nun wohl durchgeführt wird. Dann interessiert nicht, ob ich dagegen oder dafür war, sondern, ob die Qualität des öffentlichen Raums langfristig gesichert ist. Daran zweifle ich. Ich habe jedenfalls außer dem Architekten des Plans noch niemanden gefunden, der mir erklären konnte, ob die als Straßburger Platz titulierte Fläche ein qualitätvoller öffentlicher Raum wird. Das hat diese Stadt, unabhängig von den inneren Qualitäten des neuen Bahnhofs, wahrlich nicht verdient.
Es ist ein Skandal, dass der Plan nie weiterentwickelt, nie das urbane Potenzial für die Stadt herausgearbeitet wurde, unabhängig von der Streitfrage ob oben oder unten. Sieben Entwürfe hat Retti für das Neue Schloss gefertigt, Bonatz den Bahnhof selbst mehrmals umgezeichnet, viele Entwürfe und Änderungen gab es auch für das Kunstmuseum. Es könnte hier ein Platz entstehen, der wirklich als Platz erlebbar ist. Stuttgart, das sei hinzugefügt, hat ein großes Potenzial, wenn man es denn sehen will und endlich daran arbeitet. LEDERER
Bisher erschienen Franz Pesch (1. 12.)

Foto: StZ
Autor
Seit 2005 leitet der Stuttgarter Architekt Arno Lederer das Institut für Öffentliche Bauten und Entwerfen an der Universität Stuttgart. Das Büro Lederer + Ragnarsdottir + Oei hat hier zahlreiche Bauten realisiert, darunter die ehemalige Hauptverwaltung der EnBW in Stuttgart und die Schule im Scharnhauser Park. 2009 gewannen die Architekten die Wettbewerbe für das Stuttgarter Stadtmuseum, den Neubau der IHK und den Umbau des Hospitalhofs.
Redner
Als streitbarer, ironiebegabter, rhetorisch geschliffener Geist ist Lederer ein gefragter Debatten- und Vortragsredner. Als solcher setzt er sich auch im Städtebauausschuss für das Wohl der Stadt ein. say
© 2010 Stuttgarter Zeitung