Wo Architekten und Künstler zu Hause sind

Die Stiftung Geißstraße und die StZ erkunden diesmal die Alexanderstraße

Von Michael Schoberth

Die Alexanderstraße ist eine der architektonisch schönsten, aber auch interessantesten Straßenzüge in der Innenstadt. Hier wohnen Architekten, Künstler und Galeristen, es gibt eine kleine Kirche und zahlreiche Praxen für alternative Therapien. Michael Kienzle kennt diese Straße wie seine Westentasche. Der Grünen-Stadtrat und frühere Dozent der Universität Stuttgart lebt seit vielen Jahren in der Mitte der Alexanderstraße. Für die Stadtführung „Mein Stuttgart”, die von der Stiftung Geißstraße und der Stuttgarter Zeitung veranstaltet wird, öffnete er am Samstag die Türen zu den Anwohnern. Seit fünf Jahren zeigen prominente Stuttgarter Interessierten ihr ganz persönliches Stück Stadt, immer aus einer subjektiver Sicht und immer einmalig.

„Ich will zeigen, was zu einem geglückten Stück Stadt gehört, wie moderne Stadtkultur aussieht und warum es sich lohnt, sich für Stuttgart einzusetzen”, sagte Kienzle zu Beginn. Los ging es am Gerda-Taro-Platz, dessen Ausgestaltung verbesserungswürdig sei, monierte Kienzle. Gerda Taro, die mit bürgerlichem Namen Gerta Pohorylle hieß, war hier 1910 geboren worden. Als Fotografin dokumentierte sie mit ihrem Lebenspartner Robert Capa den Spanischen Bürgerkrieg, in dem sie umkam. „Sie war eine lebensfrohe Frau und eine Ikone im Widerstand gegen den Faschismus in Europa”, erzählt Kienzle. Nur wenig Häuser weiter ist seit mehr als 30 Jahren die Galerie Rainer Wehr beheimatet, in der zahlreiche heute bekannte Künstler ihre ersten Ausstellungen machten. „Die Gegend hier hat eine kunstaffine Ausstrahlung”, sagt Wehr.


Grüne Oase in der Stadt: Michael Kienzle führt in der Alexanderstraße, einer beliebten Wohngegend, auch auf den Gerda-Taro-Platz. Foto von: Heinz Heiss

Beim Eckhaus an der Lorenzstaffel stellt sich die Frage: Bäckerei oder Kirchengemeinde? Die Antwort: es ist seit zwei Jahren das Gemeindezentrum der St. Catherine’s Church. Die etwa 200 Mitglieder kommen aus 24 verschiedenen Ländern rund um den Globus, berichtet Reverend Kenneth Dimmick. Religiös motiviert ist auch der Stopp vor der Hausnummer 79. Hier war früher ein jüdischer Gebetsaal. Ein Haus weiter sind Stolpersteine zur Erinnerung an die Deportation und die Ermordung von der Familie Levi in den Boden eingelassen. Die jüdische Familie lebte hier bis 1941, sagt Andreas Langen, ein Anwohner, der sich bei der lokalen Stolperstein-Initiative engagiert. Langen arbeitet als Fotograf und hat zusammen mit seinem Partner sein Atelier in der Straße.

„Die neue Lust an der Stadt kann man in der Straße gut erkennen”, meint Kienzle. Er habe schon schon immer in einem Haus an einem der zahlreichen Stäffele wohnen wollen.

Seit Ende der 70er Jahre betreibt Peter Jung sein Architekturbüro. Dass dort zuvor eine Weinhandlung war, kann man immer noch an den Ornamenten an der Hausfassade erkennen. „Hier ist das richtige Leben, es ist lebenswert und die Straße ist einer der schönsten Straßenzüge”, meint Jung.

Judith Breuer, Anwohnerin und Mitarbeiterin beim Landesdenkmalamt, erzählt von der Entstehungsgeschichte: Mit den Reparationen, die Frankreich nach dem verlorenen Krieg von 1871 zahlte, wurden die Städte erweitert. Die Alexanderstraße wurde bis 1910 fertiggestellt. Benannt ist sie nach Zar Alexander, dem Bruder der württembergischen Königin Olga.

Nach einem Stopp an der Staffel, die nach Oscar Schindler benannt ist, der eine große Anzahl Juden vor der Ermordung rettete, geht es durch die Praxis für Integrale Leibarbeit von Jutta Becker zur autonomen Projektwerkstatt, die im totalen Gegensatz zum bürgerlichen Umfeld steht. „Wir versuchen anders zu leben, um raus aus der Individualisierung zu kommen”, erklären Peter Schadt und Laura Edler. Aus Respekt vor den Tieren und um die Umwelt zu schützen, leben sie vegan. Neben den Wohnräumen, wo acht Bewohner gemeinsam leben, gibt es auch eine Leihbücherei und ein Archiv mit anarchistischer- und ökologischer Literatur. Miete zahlt jeder, so viel er eben kann. Mit dem offenen Büro sollen weitere Graswurzel-Projekte unterstützt werden. Mittlerweile ist ein Kleinverlag gegründet worden, außerdem finden regelmäßig Veranstaltungen statt.

Dann geht es 155 Treppenstufen hinauf, zurück in die bürgerliche Welt, in die Wohnung von Michael Kienzle: zum Umtrunk.