Wie man eine Stadt weiterbaut

Zahlreiche Großprojekte werden das Stuttgarter Stadtbild in den kommenden Jahren verändern. Stiftung Geißstraße und Stuttgarter Zeitung haben sechs Architekten eingeladen, über ihre Visionen zur Zukunft der Stadt zu sprechen. Die Beiträge der Teilnehmer werden wir in loser Folge veröffentlichen. Den Anfang macht heute der Stadtplaner Franz Pesch.

Von Franz Pesch

Die geplanten neuen Quartiere in Stuttgart brauchen vor allem urbane Räume. Vorbilder dafür gibt es.

Während im stürmischen Stuttgarter Herbst in der ganzen Stadt um das Bahnprojekt gestritten wurde und wird, während die Kontrahenten im Rathaus in ihren Positionen verharrten und die Verwaltung der Öffentlichkeit einen städtebaulichen Neuanfang anbietet, sind hinter dem Bahnhof bereits Fakten geschaffen worden. Stuttgarts neuer Stadtteil, der in ersten Bauten und Projekten sichtbar wird, erhält bis jetzt von den Bürgerinnen und Bürgern keine Bestnoten: zu dicht, zu abweisend, zu monofunktional – weit entfernt von dem lebendigen Viertel, für das sie sich schon lange einsetzen. So geben manche Stuttgarter das 27 Hektar große Europaviertel verloren, ehe noch die öffentlichen Räume und Gebäude Gestalt angenommen haben und damit die Voraussetzungen dafür, dass überhaupt Urbanität, Lebendigkeit entstehen kann.

Wohl kaum jemand kann sich der Faszination städtischen Lebens entziehen. Dies belegt nicht zuletzt die zunehmende Zahl der Städtereisen in alle Welt. Warum aber will es vor unserer Haustür augenscheinlich nicht gelingen, Stadtviertel mit urbaner Atmosphäre zu entwickeln? Sind wir heute nicht mehr in der Lage, Qualitäten zu schaffen, wie sie zum Beispiel die Stuttgarter Gründerzeitviertel westlich und östlich der City immer noch auszeichnen? Gehen wir zu leichtfertig mit dem städtebaulichen Erbe, mit städtebaulicher und architektonischer Tradition um? Haben wir verlernt, Stadt zu bauen?

Fotos: Pesch

Lebendige Urbanität durch vielfältige Nutzung: ein Platz im Zentrum des nordfranzösischen Städtchens Blois

Mit jedem städtebaulichen Eingriff in das bauliche Gefüge, mit jeder planerischen Entscheidung setzen wir ein hohes Gut aufs Spiel. Der amerikanische Stadthistoriker Lewis Mumford hat das allen Planern ins Stammbuch geschrieben: „Noch vor der Schrift”, betont er, „ist die Stadt die kostbarste Errungenschaft der Zivilisation.” Eine Errungenschaft, in der sich Erfindungsgabe, Gestaltungswille und Erfahrung vieler Generationen manifestieren. Es ist ein langer Weg, von den frühesten überlieferten städtischen Ansiedlungen, wie etwa der 7400 v. Chr. entstandenen anatolischen Stadt Catal Höyük, die noch keine Straßen kannte, über die mittelalterlichen Städte, in deren ständigem Umbauprozess städtische Kultur einen vorläufigen Höhepunkt erreichte, bis zur modernen Großstadt mit ihren weltoffenen Boulevards und prächtigen Handelshäusern.

Die Entwicklung unserer Städte, auch das wird bei einem Blick in die Geschichte deutlich, ist kein Prozess stetiger Vervollkommnung. Immer wieder gibt es Brüche und Irrwege. Aber die Stadt entwickelt sich letztlich doch nach bestimmten Gesetzmäßigkeiten, die man kennen sollte, wenn man an ihr weiterbaut. Ihre Besonderheit lässt sich nicht auf eine kunstvolle Anordnung von Häusern und Räumen reduzieren, ihre Besonderheit ist die typisch städtische Lebensform: Urbanität. Sie manifestiert sich in mehreren Dimensionen: politisch in Selbstverwaltung und Partizipation, sozial in stadtbürgerlicher Identität und materieller Schutzfunktion und kulturell in Austausch und Kommunikation.

Die gebaute Stadt ist das Gefäß des urbanen Lebens und das gebaute Gedächtnis der Stadtgesellschaft. Insofern gilt es, die historischen Schichten ihrer Entwicklung – bei allem notwendigen Neuen – sichtbar und ablesbar zu erhalten. Die radikalen Versuche von Planern, die Stadt im 20. Jahrhundert auf dem Reißbrett neu zu erfinden, von einem „weißen Blatt” auszugehen, mussten daher scheitern. Das gilt vor allem für die Vision einer lichtdurchfluteten Hochhausstadt mit weitläufigen Grünzonen und anbaufreien Verkehrsadern, wie sie der Schweizer Architekturtheoretiker und Stadtplaner Le Corbusier propagierte. Allerdings befürchtete er wohl selbst, „dass die immensen offenen Räume, die ich in unserer imaginären Stadt erschuf, Räume, die auf allen Seiten vom offenen Himmel beherrscht wurden, tote Räume würden; dass in ihnen Langweile herrschen würde und dass die Bewohner einer solchen Stadt beim Anblick einer so großen Leere von Panik ergriffen würden”.

Architektur nach menschlichem Maßstab: der Kopenhagener Stadtteil Sluseholmen

Das war durchaus prophetisch formuliert. An den monotonen Großsiedlungen oder dem verkehrsgerechten Umbau der Innenstädte werden die europäischen Städte noch lange zu tragen haben. Die der Städtebaumoderne verpflichteten Stadtteile gelten heute als Problemgebiete und soziale Brennpunkte. Auch in Stuttgart müssen Großsiedlungen wie der Fasanenhof mit enormem öffentlichem Mitteleinsatz wieder zu einer – halbwegs – urbanen Stadt umgebaut werden.

Inbegriff urbanen Lebens ist der öffentliche Raum, der „zugleich allen und niemandem” gehört und als offene und frei zugängliche Bühne der Stadtgesellschaft fungiert. Die Menschen können sich hier frei und gleichberechtigt, auf Augenhöhe, begegnen. Sie können zwischen Nähe und Distanz wählen, am Geschehen teilhaben oder es beobachten. Und nicht nur die Bürger begegnen sich hier, auch die Architekturen vieler Jahrhunderte.

Wenn wir nach den Zutaten für das Entstehen urbaner Räume fragen, bietet eine ganz alltägliche Situation, wie ich sie einmal in einer kleinen nordfranzösischen Stadt, in Blois, erlebt und fotografiert habe, einige Anhaltspunkte: Der kleine Platz ist von Gebäuden umstellt, die mit ihren Geschäften und ihrer Außengastronomie in den Stadtraum hineinwirken. Es sind die Nutzungen, die Lebendigkeit herbeiführen. Diesen Saum von Frequenz erzeugenden Nutzungen in der Erdgeschosszone verstehen wir als eigentliche „belebte Schicht” des Stadtraums. In den Obergeschossen der Gebäude findet sich eine Vielfalt unterschiedlicher Nutzungen: Büros, Kanzleien, Praxen, vor allem aber Wohnungen. Denn eine bewohnte Stadt ist auch außerhalb der Geschäftszeiten lebendig.

Die Treppe ist nicht nur eine Tribüne, sie ermöglicht es den Passanten – ohne etwas konsumieren zu müssen – am Geschehen teilzuhaben. Deutlich wird: die Stadt braucht kein Fortissimo an Architektur. „Wohl kein einziges dieser Häuser”, hat Julius Posener einmal für das Pariser Stadthaus formuliert, „wird unseren Blick auf sich ziehen; aber keines stört uns. In ihrer Gesamtheit bilden sie eine geschlossene Straßenfront, betonen sie die Straße als einheitlichen Raum . . . Die Wirkung ist großstädtisch, anonym, aber nicht uniform.”

Das Scheitern der funktionalistischen Moderne wirft die Frage auf, wie beim Bau neuer Stadtteile und Quartiere jene Qualitäten zurückgewonnen werden können, die wir an den historischen Vierteln schätzen: funktionale Dichte, räumliche Nähe, hohe Aufenthaltsqualität des öffentlichen Raums, Architektur nach menschlichem Maßstab. Solche Labore der Reurbanisierung – oftmals ehemalige Industrie- oder Gewerbeareale, deren Lagegunst in der Nähe der Innenstadt sie für eine urbane Nutzung prädestiniert – finden sich in mehreren europäischen Großstädten.

Zu nennen sind hier die Amsterdamer Hafengebiete mit den ehemaligen Piers Java Island und Borneo Sporenburg, Kopenhagen Sluseholmen, die Hamburger Hafen City, das Quartier Massena in Paris oder die ehemaligen Renault-Werke in Boulogne-Billancourt. In einer sorgfältig komponierten Mischung aus Wohnen, Dienstleistungen, Einzelhandel und Gastronomie entstehen hier in zeitgemäßer Architektur hochwertige städtische Quartiere. In Baden-Württemberg haben sich Städte wie Tübingen und Freiburg erfolgreich auf die Suche nach Alternativen zur funktionalistischen Moderne gemacht.

Wichtigste Aufgabe wird es sein, die neuen Quartiere nicht wie Fremdkörper wirken zu lassen, sondern sie in den gewachsenen städtebaulichen Kontext zu integrieren. So sollten die Straßenführungen aus den angrenzenden Stadtteilen aufgenommen werden, der erweiterte Schlossgarten ist mit einer attraktiven, durchlässigen Randbebauung zu begrenzen, die als Membran zwischen Park und Stadt wirkt. Eine weitere städtebauliche Herausforderung besteht darin, das Nordbahnhofviertel aus seiner Insellage zu befreien.

Stuttgart 21 bietet die Möglichkeit, die seit bald hundert Jahren bestehende Trennung der Innenstadt durch gigantische Gleisbauwerke rückgängig zu machen und wichtige innerstädtische Entwicklungsmöglichkeiten zu schaffen. Wie dieses große Potenzial genutzt werden kann, zeigt zum Beispiel die seit einigen Jahren vorliegende Rahmenplanung der Stadt.

Stadtbaukunst – verstanden als Kreation urbaner Räume – erschöpft sich nicht in der Masterplanung. Entscheidend für das Ergebnis ist die Schnittstelle zur baulichen Realisierung. Deshalb gilt es, bei jedem Gebäudewettbewerb und bei jeder Baugenehmigung die städtebaulichen Ziele im Auge zu behalten.

Urbane Stadtquartiere mit städtebaulicher Vielfalt und Atmosphäre setzen unabdingbar Nutzungsmischung voraus. Wenn die Stadt ihre Planungshoheit nicht in die Waagschale wirft und die Gesetze der Immobilienwirtschaft auf den ehemaligen Bahnflächen obsiegen, werden die bisher vorherrschenden Monostrukturen mit ihren abweisenden Gebäudefronten auch weiterhin das Maß der Dinge sein. In Bebauungsplänen und städtebaulichen Verträgen ist daher ein urbaner Nutzungsmix vorzugeben. Das gilt im Besonderen für den citynahen Bereich, wo die hohen Grundstückpreise viele für ein städtisches Leben essenzielle Nutzungen ausschließen könnten. Hier müsste pro Gebäude ein Wohnanteil von mindestens fünfzig Prozent vorgeschrieben werden. Im Rosensteinviertel wird der Wohnanteil auf bis zu achtzig Prozent ansteigen.

Von großer Bedeutung ist die Nahtstelle vom privaten zum öffentlichen Raum. Die Erdgeschosszone muss belebend auf Straßen und Plätze ausstrahlen und deshalb mit Gastronomie, Läden und Dienstleistungen oder sozialen Treffpunkten, mit Kindertagesstätten, Seniorentreffs und weiteren öffentlichen Nutzungen belegt sein. Es ist Aufgabe der Stuttgarter Stadtplanung, diese Nutzungen festzuschreiben. Ich sehe auch die Kommunalpolitik in der Pflicht, von künftigen Investoren und Nutzern der ehemaligen Bahnflächen einen Beitrag zur urbanen Entwicklung zu fordern – in der Tradition der europäischen Bürgerstadt, wo der Einzelne seinen Beitrag zum Gemeinwohl und zum Stadtbild leistete.

Die heute verbreitete Praxis, große Baufelder jeweils einer Investorengruppe zuzuschlagen, fördert die Vereinheitlichung der Nutzungen und produziert Monotonie. Sehr oft werden die Gebäude von den Investoren nach Fertigstellung an Immobiliengesellschaften weiterveräußert. Da auf diesem Markt in der Regel einheitlich genutzte Objekte gehandelt werden – Büro- oder Wohnhäuser oder Handelsimmobilien – gehen Investoren ungern mit nutzungsgemischten Objekten auf den Markt.

Soll unter diesen Bedingungen urbane Vielfalt begünstigt werden, muss die Stadt auf die Parzellierung der Baufelder setzen und jeweils mehreren Bauherren und Architekten die Chance geben, an einem Baublock mitzuwirken. Dass die Renaissance des Parzellenstädtebaus, wie er die Stuttgarter Gründerzeitviertel prägt, möglich ist, zeigen neue Stadtquartiere auf dem Trierer Petrisberg, auf dem Gelände des Düsseldorfer Güterbahnhofs Derendorf oder das Modellprojekt St. Leonhards Garten in Braunschweig. In diesen Projekten wird auch eine wirtschaftliche Perspektive des Parzellenstädtebaus sichtbar: die Gewinnung örtlichen Kapitals aus Stadt und Region für die Stadtentwicklung. Mittelstandsförderung könnte sich hier auf ideale Weise mit einer örtlichen Verantwortung für die Stadt verbinden. Tilman Harlander, Professor für Stadt- und Wohnsoziologie an der Universität Stuttgart, weist zu Recht darauf hin, dass mit mehr Kleinteiligkeit im Zusammenspiel von etablierten Bauträgern, Baugemeinschaften, Baugenossenschaften und Einzelbauherren auch soziale Vielfalt möglich wird.

Diese Kriterien für die städtebauliche Entwicklung könnte man als die notwendige Bedingung für das Entstehen lebendiger Stadtquartiere beschreiben. Daneben bieten die zentral gelegenen und optimal erschlossenen Bahnflächen die Chance für einen Städtebau und eine Architektur, die einen über die Stadtgrenzen hinweg wahrnehmbaren Beitrag zum Stadtquartier der Zukunft leisten, wie ihn die vor einigen Jahren leider gescheiterte Initiative für eine neue Stuttgarter Bauausstellung sich vorgenommen hatte.

Auch wenn man dieses Projekt nicht wieder aufgreift, könnte viel bewegt werden: neue Mobilitätskonzepte unter Einbeziehung der Elektromobilität, klimaneutrales Bauen in Verbindung mit einer regenerativen Energieversorgung, zukunftsweisende Bildungsprojekte und neue Formen des Zusammenwohnens (sozial, generativ, ethnisch) – das sind nur einige Stichworte. Eingebunden in einen lebendigen baukulturellen Diskurs könnte die Forderung des Stuttgarter Stadtentwicklungskonzepts eingelöst werden, dass die Stadt der Architekten endlich auch zu einer Stadt der Architektur wird.

Die Stadt muss also stärker in die Offensive gehen. Die erworbenen Bahnflächen erlauben eine aktive Liegenschaftspolitik, die den Grundstücksmarkt für unterschiedlichste Investoren, Bauherren und Zielgruppen öffnet. Über grundstücks- und baufeldbezogene Wettbewerbe kann sichergestellt werden, dass die Rahmenpläne in geeignete Baupläne transformiert werden und Stuttgarts neue Quartiere zum Vorbild für zukunftsorientierten Städtebau werden.

Stadtentwicklung ist eine Daueraufgabe, die nicht am grünen Tisch geplant und damit ein für alle Mal verbindlich festgelegt werden kann. Stadtentwicklung ist eine Einladung zu einer stadtweiten Debatte über die Zukunft der Stadt. Die Diskussionen um Stuttgart 21 zeigen sehr deutlich: die Stuttgarter wollen sich aktiv in den städtebaulichen Diskurs einbringen. Und sie müssen dies auch tun. Denn Urbanität ist integraler Bestandteil der politischen Kultur einer Stadt. Sie entsteht nur dort, wo Engagement und Partizipation gefördert werden. Vor dem Bauen steht daher die Frage an die Bürger, in welcher Stadt sie leben wollen. Erst wenn Gewissheit besteht, wie die Antwort auf diese Frage ausfällt, können Stuttgarts einmalige städtebauliche Chancen genutzt werden.

STADTPLANER UND PROFESSOR

Foto: Achim Zweygarth

Autor

Franz Pesch istProfessor für Stadtplanung an der Universität Stuttgart. 1983 gründete er das Büro Pesch und Partner in Herdecke und Stuttgart. Für viele Städte hat er Stadtentwicklungskonzepte erstellt, darunter auch für Stuttgart (2002-2006). Sein Büro gewann hier etliche große Planungswettbewerbe, etwa Killesberg, Rosensteinviertel und Neckarpark.

Publikation

Zusammen mit Ulrich Hatzfeld und Holger Everz hat Franz Pesch 2006 das Buch „Stadt und Bürger” herausgegeben (Verlag Dorothea Rohn), das für eine solidarische Stadtgesellschaft eintritt. say

Autor des nächsten Beitrags ist der Stuttgarter Architekt Arno Lederer.

SAYAH

© 2010 Stuttgarter Zeitung