Die Stiftung Geißstraße und die StZ erkunden die Zeit der Nazis und deren besondere Orte.
Es sind Orte, an denen die meisten Menschen in der Hektik des Alltags achtlos vorbeilaufen: die jüdische Synagoge, das Landesgewerbeamt, die Rückfront des Rathauses, der kleine Schlossplatz – was für die Passanten zählt, ist die Gegenwart. Aber alle diese Orte haben auch eine besondere Geschichte. Eine, die in das dunkelste Kapitel Deutschlands zurückführt – in die Zeit des nationalsozialistischen Terrors, in eine Zeit, in der auch in Stuttgart unvorstellbares Unrecht unter anderem an Juden sowie an Sinti und Roma begangen wurde.
Roland Müller erzählt die Geschichten. Der Leiter des Stadtarchivs folgt an diesem Samstag den Spuren der Geschichte. Es ist der Auftakt einer neuen Reihe von Stadtspaziergängen, welche die Stiftung Geißstraße und die Stuttgarter Zeitung unternehmen. Rund 30 Zuhörer begleiten ihn. Müller steht vor dem Landesgewerbeamt in der Willi-Bleicher Straße, einem für Stuttgarter Verhältnisse protzigen Bau aus den 1890er Jahren und erzählt die Geschichte zweier Männer, die hier in ganz normalen Amtsstuben begann und schließlich in Berlin als Teil einer ideologisch motivierten Tötungsmaschinerie endete.
Es ist die Geschichte von „Albert Widmann und Walter Heeß, zweier aus Stuttgart stammender Chemiker”, die Roland Müller erzählt. Er hat über die Stadt während der NS-Zeit promoviert. In wenigen Minuten skizziert Müller vor dem Landesgewerbeamt die Karrieren der beiden Männer, die im Chemischen Untersuchungsamt arbeiteten und den Auftrag erhielten, „eine effiziente Tötungsart für geistig Behinderte zu entwickeln”. Sie experimentierten mit Gaswagen, bei denen sie Kohlenmonoxid ins Innere von Autos leiteten. Müller erzählt von Tausenden von Menschen, die auf der Grundlage der Forschung der beiden umgebracht wurden. Und er stellt eine Frage, auf die niemand eine Antwort findet: „Was war die Motivation für diese Karrieren ohne Menschlichkeit?”
Mit jedem Ort, an dem die Stadtspaziergänger an diesem Tag stehen bleiben, wird jenes Stuttgart ein Stück greifbarer, in dem die Nationalsozialisten spätestens von 1933 an den Ton angaben. Die Gruppe erreicht die jüdische Synagoge – ein zurückhaltender Bau im Hospitalhofviertel, vor dem ein Gedenkstein auf das erlittene Unrecht hinweist. Doch für die Betrachter verwandelt sich das Gebäude. „Früher stand hier eine prachtvolle, im maurischen Stil gehaltene Synagoge”, erzählt Roland Müller und berichtet dann davon, wie diese und die anderen Synagogen in Deutschland am 9. November 1938 angezündet wurden.
Die bekannte Geschichte erlebt die Gruppe der Stiftung Geißstraße auf eine neue Art – sie bleibt nur wenige Gehminuten entfernt vor einem anderen Gebäude in der Büchsenstraße stehen. Hier befand sich einst das Polizeipräsidium. „Und hierher wurden männliche Juden nach einer Massenverhaftung gebracht”, sagt Roland Müller. Anschließend wurden manche von ihnen ins Konzentrationslager nach Dachau deportiert. Auch hier in der Büchsenstraße deutet eine Hinweistafel auf die Geschichte zurück, auch sie ist vielen Stuttgartern unbekannt.
Müller schildert, wie sich die NSDAP auch in Stuttgart systematisch wie eine Krake in den Behörden und Amtsstuben ausbreitete – so wurde im April 1933 eine eigene württembergische politische Polizei gegründet. Ihr spielte „eine unvorstellbare Denunziationsbereitschaft in der Bevölkerung in die Hände”.
Ganz bewusst geht der Stadtarchivar auf seinem Gang durch das Stuttgart zwischen 1933 und 1945 nicht an der Dorotheenstraße vorbei, wo derzeit der Streit um den Umgang mit dem einstigen „Hotel Silber” tobt. Es soll an diesem Tag jedoch nicht um die ehemalige Gestapozentrale gehen – die Spuren des Naziterrors sind in ganz Stuttgart zu finden, nicht nur an diesem Ort.
Sondern auch auf dem Kleinen Schlossplatz. Die Spaziergänger blicken hinüber zum Neuen Schloss, hinab zur Planie, der einstigen Adolf-Hitler-Straße. Hier erzählt Roland Müller von den städtebaulichen Plänen der Nationalsozialisten. Davon, dass einst riesige Aufmarschplätze geplant waren und dass auf der Karlshöhe ein neues Gebäude für den „Reichssender Stuttgart” entstehen sollte. Auch davon, dass die Nazis die Weißenhofsiedlung zerstören wollten. In seiner Erzählung entsteht ein Bild von Stuttgart, das aus den Allmachtsfantasien der Nationalsozialisten gespeist war – und so nie entstanden ist.
RAIDT
© 2010 Stuttgarter Zeitung