Stadtspaziergang Zwischen den Straßen und Häusern der Großstadt hat sich die Natur ihre Refugien bewahrt.
Die europäische Bahnmagistrale Paris-Bratislava – genauer gesagt ihr Teilstück zwischen Stuttgart und Ulm – wird bekanntlich kontrovers diskutiert. Dass Stuttgart bereits fester Bestandteil einer Vogelmagistrale ist, erfuhren die 30 Teilnehmer am Samstag beim Stadtspaziergang mit der Landschaftsplanerin Barbara Drescher und der Naturpädagogin Thekla Walker. Bei glühender Hitze ging die Tour von der Eberhardstraße über den Karlsplatz und den unteren und mittleren Schlossgarten bis zur Stadtbahnhaltestelle am Mineralbad Berg.
Im Rahmen der von der Stiftung Geißstraße und der Stuttgarter Zeitung organisierten Reihe präsentierten die beiden Stadtführerinnen diesmal die Vielfalt der Pflanzen- und Tierwelt in der Großstadt. So sind etwa die vielen japanischen Schnurbäume, die im Stadtzentrum gedeihen, nicht nur besonders resistent gegen die Hitze im Talkessel, sondern im Winter auch Ziel des Seidenschwanzes – einer Vogelart, die verbreitet in Nordeuropa vorkommt. „Über Berlin und Prag kommen die Vögel nach Stuttgart, um den Samen der Schnurbäume zu fressen”, erläuterte Barbara Drescher. Überhaupt nutzen Pflanzen und Tiere die „Kulturfelsen” der Häuserschluchten als Nistplätze und Refugien und passen sich den Lebensbedingungen an. Zum Nestbau etwa werden in der Stadt neben Federn und Hundehaaren auch weggeworfene Zigarettenkippen verwendet, wie Thekla Walker anhand eines ihr vor die Füße gefallenen Nestes verdeutlichen konnte.
Vor allem der Schlossgarten ist Lebensraum für zahlreiche Wildtiere: Dort tummelt sich die höchste Population an Feldhasen, die sich in einer deutschen Großstadt finden lässt. Aber auch Füchse und Marder bevölkern bisweilen die Innenstadt. Ein Grund: Die Tiere müssen dort keine Angst haben, bejagt zu werden.
Foto: Achim Zweygarth

Durch Bauarbeiten, Bodenversiegelung und Sanierungsmaßnahmen fällt es freilich vor allem Vögeln immer schwerer, sich in der Großstadt anzusiedeln. „27 heimische Arten sind mittlerweile akut bedroht”, so Thekla Walker . Dazu zählt, man höre und staune, auch der gemeine Spatz.
Noch schwerer haben es Insekten. Ein Laufkäfer etwa würde es kaum schaffen, die Schillerstraße am Hauptbahnhof unbeschadet zu überqueren, wenn er nicht die bewucherten Verkehrsinseln als Trittsteine nutzen könnte. Interessenskonflikte zwischen Mensch und Tier gibt es auch auf den Wiesen im Schlossgarten, die von erholungssuchenden Städtern gern zum Sonnenbaden genutzt werden. „Der Rasen wird meist komplett abgemäht, Insekten und Vögel finden dann zu wenig Nahrung”, erklärte Walker. Sie plädierte dafür, beim Rasenschnitt Pflanzenoasen mit Wildblumen zu verschonen.
Beim Gang durch den mittleren Schlossgarten ließ sich natürlich auch das Thema Stuttgart 21 nicht ausklammern. „Wir stehen hier an der sensibelsten Stelle des Stuttgarter Talkessels”, so Barbara Drescher. Unter der Erde zirkuliert in der Gesteinsschicht des oberen Muschelkalks das wertvolle Stuttgarter Mineralwasser. Der darüber liegende Lettenkeuper verhindert, dass das Wasser nach oben drückt. Anhand von geologischen Karten ließen sich in diesem Bereich aber riskante Gesteinsverwerfungen vermuten, so Drescher: „Da wird das Graben ein Zentimetergeschäft.”
Zum Ende des Spaziergangs durften die Teilnehmer dann die Platanenallee im unteren Schlossgarten durchschreiten. Die 1812 angelegte, gut 1500 Meter lange schattenspendende Baumreihe soll nach dem Willen von Naturschutzverbänden und Grünen im Stuttgarter Gemeinderat bald als Naturdenkmal ausgewiesen und so unter besonderen Schutz gestellt werden.
Über verborgene Qualitäten verfügt dagegen eine andere Pflanze, die gemeinhin als Unkraut betrachtet wird: die Brennnessel. Ihr Samen, morgens unters Müsli gemischt, wecke die Lebenskraft, erklärte Thekla Walker: „Das ist das Viagra der Natur.” Schon im Mittelalter schworen Minnesänger auf die Wirkung der Nessel. Insbesondere die Männer unter der Spaziergängern haben da besonders aufmerksam zugehört.
Mit der naturkundlichen Führung durch die Innenstadt endet die aktuelle Reihe der Stadtspaziergänge. Die neuen Termine werden im Herbst in der StZ bekannt gemacht.
BRAUNT
© 2010 Stuttgarter Zeitung