US-Armee Bowlen, shoppen, salutieren – unterwegs in der Panzerkaserne, die einer Kleinstadt in der amerikanischen Provinz ähnelt.
Amerika beginnt hinter dem Stacheldraht. Es liegt eingeklemmt zwischen Böblingen und Stuttgart, es liegt gleich um die Ecke – und ist für die meisten Menschen aus der Region schwieriger zu erreichen als Washington oder New York. In der Panzerkaserne arbeiten 1200 Soldaten und Zivilangestellte, auf dem Gelände leben 170 Familien. Soldaten aus allen Teilen der USA sind hier stationiert. Und obwohl knapp 700 deutsche Zivilangestellte an den fünf Standorten der US-Armee in und um Stuttgart ihr Geld verdienen, umgibt die Kasernen etwas Geheimnisvolles.

Dabei funktioniert die Panzerkaserne wie eine Kleinstadt, die irgendwo tief in der amerikanischen Provinz liegen könnte. Die Soldaten treffen sich nach Feierabend in der Bowlinghalle, sie hecheln mit ihren Familien in der 13 200 Quadratmeter großen Shoppingmall den Weihnachtsschnäppchen hinterher, vor der Haustür hissen die meisten das Sternenbanner, um ihren Nationalstolz zu zeigen. Das Fernsehen zeigt American Football statt Fußball, in den Fast-Food-Läden läuft die Cola in bottichgroße Becher, gezahlt wird mit Dollars und nicht mit Euro.

Niemand wählt den Bürgermeister, der Bürgermeister wird vom Pentagon geschickt. Alle drei Jahre kommt ein neuer. Derzeit führt Oberst Richard Pastore die Geschäfte, er ist quasi der Wolfgang Schuster der US-Armee in Stuttgart. Pastore steht sehr aufrecht im vierten Stock des Community Centers der Panzerkaserne. Die Hände hält er hinter dem Rücken verschränkt, er trägt wüstensandfarbene Kampfstiefel und eine Uniform in Tarnoptik. Wer ihn so sieht, muss sich erst an den Gedanken gewöhnen, dass der Mann nicht in strengem Ton Soldaten im Einsatz kommandiert – er befehligt stattdessen die Führerscheinstelle, die Meldebehörde, die Klinik, die Schulen und das Kino der Amerikaner in Stuttgart. Pastore managt das Alltagsleben von rund 22 000 Amerikanern, die in Stuttgart und Umgebung an fünf Standorten leben. Der Karrieresoldat stammt aus Indiana, lebt seit mehr als zwei Jahren hier, bleibt noch ein Jahr und muss dann weiter. Amerikanische Soldaten sind Wandervögel. Wer als Soldat nach Stuttgart versetzt wird, zieht nach drei Jahren weiter, Zivilangestellte bleiben zwei Jahre länger – der anschließende Zielort ist oft ungewiss. Ein Leben im Dienst der Stars and Stripes bedeutet, immer wieder von vorn anzufangen.
Umso wichtiger ist das Gefühl, ein großes Stück Heimat in der Fremde wiederzufinden. „Your home away from home” prangt es blau-weiß-rot in den Nationalfarben auf einer Fußmatte. Die Supermarktregale sind mit amerikanischem Bier gefüllt, das Fitnesscenter bietet Spinning und Pilates an, im Tex-Mex-Restaurant gibt es immer donnerstags Spareribs nach dem All-you-can-eat-Prinzip. Man könnte so viel essen, bis der oberste Knopf an der Uniform platzt.

Beinahe unwirklich zivil mutet das Alltagsleben des amerikanischen Militärs in Stuttgart an. Kinder toben über Flure, Schulbusse fahren zwischen den Kasernen hin und her. Hammerschläge tönen aus einer Werkstatt, in der defekte Fahrzeuge wieder flottgemacht werden. Im Verwaltungsgebäude bieten amerikanische Universitäten Wirtschafts-und Business-Kurse an. Die United-Service Organisation (USO) vermittelt Kontakte und Reisen.
Wie die Amerikaner Deutschland sehen, lässt sich an den Postkarten auf einer Pinnwand ablesen. Dort hängt Neuschwanstein romantisch von Nebel umhüllt, es grüßen Heidelberg und Rothenburg ob der Tauber. Deutschland, das ist ein ewiger Klassiker aus Schlössern und Burgen. Ein Land zwischen Mittelalter und 50er-Jahre-Nostalgie. Der Schwarzwald funktioniert als immergrünes Traumziel für amerikanische Romantiker. Wenn sie Kuckucksuhren sehen, ticken US-Soldaten immer noch vor Begeisterung aus.
Klischees funktionieren auf beiden Seiten des Atlantiks. Das weiß auch Liz Moore, die in der Panzerkaserne arbeitet und zwischen den Amerikanern und den deutschen Behörden jenseits des Zauns vermittelt. Moore beruhigt, wenn sich Anwohner der umliegenden Gemeinden darüber aufregen, dass es auf dem Schießplatz knallt. Sie ruft bei den Ämtern an, wenn die Amerikaner an ihrem Tor zur Straße hinaus etwas umbauen wollen. Mit ihrem rustikalen Denglish, das auf sympathische Weise die Regeln der deutschen Grammatik niederwalzt, öffnet sie Türen, die durch Vorbehalte gegenüber der US-Armee lange Zeit verschlossen waren. „Schließlich geht es um die Wohlheit aller”, sagt sie und lacht gleich selbst über ihren Versprecher.
Liz Moore dient der Armee mit ihrem Charme. Sie kennt das Gefühl, wenn der Alltag alle paar Jahre in Kisten gepackt, in Containern verstaut wird und alles wieder an einem anderen Ort beginnt. „Mein Vater war schon als Oberstabsfeldwebel in der Armee”, erzählt sie. „Wir lebten in Frankreich, in Belgien, in Deutschland, in Spanien und zwischendurch auch in den USA.” Heimat ist für Liz Moore schon längst kein konkreter Ort mehr. Heimat ist die Armee geworden, „und der Platz, an dem ich neue Freunde finde”.
Die US-Armee hat ihre Arme weit ausgebreitet, um ihren Schäfchen fern von Zuhause jenes Gefühl von „Home away from home” zu geben. Sie handelt im „Welcome Center” Mietverträge für jene Familien aus, die außerhalb der Kaserne leben wollen. Sie lagert Möbel ein, hilft bei Sprachschwierigkeiten und der Partnersuche von Singles. Die Armee gleicht einer fürsorglichen Mutter, die auch streng sein kann. Kürzlich schickte sie die Figuren der „Sesame Street” in die Stuttgarter Kasernen, das Krümelmonster trat dabei vor mehr als tausend Zuschauern auf. Alles soll so vertraut sein wie möglich. Eine gespiegelte amerikanische Alltagswelt mitten in Deutschland.
Richard Pastore weiß, wie wichtig dieser Anker für seine Soldaten ist. Seine älteste Tochter studiert inzwischen in den USA, sein Sohn geht noch in Deutschland zur Schule. Mit ihm, seiner Frau und seinem Hund Cowboy lebt er in einem Wohnbereich für Offiziere in den Patch Barracks in Stuttgart-Vaihingen – und wartet ab, wohin ihn die Armee ruft, wenn seine dreijährige Dienstzeit im nächsten Sommer zu Ende geht. „Je höher du aufsteigst, desto weniger Einfluss hast du darauf, wo sie dich hinschicken.” In Stuttgart und Böblingen hat Pastore manche Zäune eingerissen, die seit dem 11. September 2001 zwischen deutschen und amerikanischen Nachbarn aufgebaut wurden. Nach den Terroranschlägen waren die Sicherheitsvorkehrungen verschärft worden. An den Toren wurden Kofferräume noch strenger durchsucht. Die Kasernen verwandelten sich in Hochsicherheitszonen.

Allmählich verblassen die Albtraumbilder. Der Schmerz lässt nach, der Alltag kehrt zurück. Richard Pastore beschwört wortreich die guten Beziehungen zu den Deutschen und sagt lässig: „Wir haben nichts zu verbergen.” Dass sich dieser Satz natürlich nur auf den zivilen Teil der amerikanischen Streitkräfte bezieht, erwähnt er nicht. Derzeit dient eine Einheit der amerikanischen Militärpolizei aus der Panzerkaserne in Afghanistan, wo sie die dortigen Polizisten ausbildet. Nur aus der Ferne sieht die Besuchergruppe an diesem Herbsttag innerhalb der Kaserne ein weiteres Tor, das zu den Einheiten der Special Forces führt. Zu erkennen sind sie an den roten Barretts und daran, dass es zu ihren Einsätzen keinerlei Auskünfte gibt. „Sie sind die Ersten, die bei einem Kampfeinsatz auf dem Boden sind”, sagt Liz Moore nur.

Manche von ihnen kämpfen nicht nur gegen den äußeren Feind. Die US-Streitkräfte haben eigens ein Büro für Familienprobleme eingerichtet, in dem all jene Soldaten Hilfe finden, die nach einem Einsatz in Afghanistan oder dem Irak nur schwer wieder in den Alltag zurückfinden. „Viele kommen nicht mehr so zurück, wie sie gegangen sind”, umschreibt Liz Moore jenes Phänomen, mit dem auch die Bundeswehr immer öfter zu kämpfen hat. „Die Männer haben schlechte Träume, die Kinder erkennen ihren Papa nicht mehr wieder, und die Ehefrauen sind viel selbstständiger geworden, während ihr Mann nicht da war”, erzählt sie. Es kommt auch zu Gewalt in den Familien. Nachdem zwei Soldaten Selbstmord begingen, baute die Armee ihr Netz von Seelsorgern und Psychologen aus.
Hinter dem Zaun bestimmt die Weltpolitik das Geschehen. So war es stets in der 71-jährigen Geschichte der Panzerkaserne, in der mittlerweile sogar das Kopfsteinpflaster unter Denkmalschutz steht. Einst hatte hier Generalfeldmarschall Erwin Rommel das Kommando. Nach dem Krieg kam die US-Armee. Sie bewachte den Wiederaufbau, rüstete sich für den Kalten Krieg und blickt nun nach Asien, Nahost und Afrika. In der Kaserne regieren die Generäle und der Alltag. Hinter dem Zaun liegt Klein Amerika.
RAIDT
© 2009 Stuttgarter Zeitung