Von Christine Bilger
Die Autorin Christine Lehmann führt durch das Stuttgart, wie es die Ermittlerin Lisa Nerz in ihren Romanen erlebt. Und bekennt, dass sie losschreibt, ohne den Täter zu kennen.
Christine Lehmann ist eine, die sich auskennt in ihrer Stadt. In den engen Gassen des Leonhardsviertels lässt sie ihre Ermittlerin Lisa Nerz Spuren suchen, auf den Gleisen an der Haltestelle Charlottenplatz lässt sie sie hadern und straucheln. Authentische Orte und eindrückliche Schilderungen, das ist ein Teil des Erfolgsgeheimnisses der Stuttgarter Krimiautorin. Beim Stadtspaziergang in der gemeinsamen Veranstaltungsreihe der Stiftung Geißstraße und der Stuttgarter Zeitung zeigte sie den Teilnehmern am Samstag, wie gut sich Lisa Nerz auskennt – eine gescheiterte Polizeireporterin, die zur Privatdetektivin wurde.
Meist schildert die Autorin die Stadt realistisch. Dann wieder führt Christine Lehmann die Leser bewusst in die Irre. Im Buch „Mit Teufelsg’walt” zum Beispiel, in dem sie das Jugendamt zwar ausführlich mit allen Öffnungs- und Schließungszeiten beschreibt, aber vom Wilhelmsplatz wegverlegt. Oder wenn sie einen liebenswürdig-schrulligen Buchhändler seinen Laden im Gerberviertel eröffnen lässt. Wenn Christine Lehmann dies tut, so ist das Absicht, und kein Versehen. „Ich wollte etwas über die Missstände in Jugendämtern schreiben, aber nicht das Stuttgarter Amt anprangern”, begründet sie das im ersten Fall. Im zweiten liegt es an der großen Ähnlichkeit zum stadtbekannten Buchhändler Wendelin Niedlich.
Beim Rundgang durchs Bohnenviertel, hinüber ins Heusteigviertel und zum Schluss ins Gerberviertel beschäftigte die Teilnehmer bald vor allem eins: Wer schickt hier wen kreuz und quer durch Stuttgart, lenkt die Erdenkerin die Ermittlerin Lisa Nerz? Oder wandelt vielmehr die Autorin auf der Spur ihrer Kunstfigur? Bald verdichten sich die Hinweise: Christine Lehmann scheint die Verfolgerin zu sein, die sich mit viel Fantasie und Ortskenntnis von ihren Figuren durch die Geschichte leiten lässt. „Wenn ich anfange, habe ich einen Tatort und eine Tat, aber keinen Täter”, verriet sie. Oft offenbare sich ihr der Schuldige erst im letzten Drittel des Buches.

Auf den Spuren der Krimiheldin Lisa Nerz: Christine Lehmann (links) führt zu den Handlungsorten ihrer Romane. Foto von: Heinz Heiss
Der Grund liegt wohl in Christine Lehmanns Verständnis der Gattung Krimi. „Mich interessiert das, was einen Krimi ausmacht, eigentlich nicht wirklich”, bekannte die Autorin von bisher neun Kriminalromanen, der zehnte soll im kommenden Jahr folgen. Ihr ginge es vielmehr um die Themen, die sich mit einem Krimi gut erzählen ließen, sagte die Autorin und SWR-Redakteurin. Bei „Mit Teufelsg’walt” gehe es um die vielen Tausend Fälle, in denen Jugendämter Kinder zu früh aus den Familien holen. Im ersten Lisa-Nerz-Roman „Vergeltung am Degerloch” ist es der Feminismus – kein Wunder, dass Lisa Nerz im einschlägigen Frauencafé im Stuttgarter Westen, in das kein Mann Zutritt hat, landet. In der Eberhardstraße arbeitet die Romanfigur in jener Zeit bei einem feministischen Magazin und beobachtet vom Büro das Treiben in den Boutiquen. Überhaupt, das volle Leben in den Gassen und Straßen, das schildert Christine Lehmann in ihren Büchern, und das bringt sie auch den Teilnehmern des Stadtspaziergangs nahe. „Lassen Sie sich nicht um die Ecke bringen, das versuchen Lisa Nerz und ich zu vermeiden. Aber gehen Sie öfter mal um die Ecke”, riet die Rundfunkredakteurin. So entdecke man unweit des Wilhelmsplatzes eine Kunsthandlung, und im Gerberviertel den von der Krimiautorin geliebten Krimibuchladen „Undercover”.
Den zeigt sie den Stadtspaziergängern auch. Ein Geheimnis wird es jedoch bleiben, wo Lisa Nerz im Bohnenviertel gar so gern immer und immer wieder auf geschmälzte Maultaschen und ein Pils einkehrt. Da wird die unkonventionelle Ermittlerin, die mit ihrer Rolle als Frau hadert und daher oft als Mann auftritt, ganz bodenständig schwäbisch.
Mit der mangelnden Anerkennung der Stuttgarter hadert Christine Lehmann mitunter, das bekennt sie offen. „Es scheint mir, als ob man hier auf jemanden, der aus Stuttgart kommt, nicht richtig stolz sein könne”, sagt sie. Der Autor Heinrich Steinfest, kein Stuttgarter, sondern Wiener, sei schnell zum Star avanciert. Sie schreibt seit 1997 Krimis und würde deutlich weniger wahrgenommen. Am Ende des Spaziergangs hat sich die Fangemeinde jedoch spontan vergrößert: Einige Teilnehmer griffen im Krimibuchladen zu und ließen sich das Buch gleich von der Autorin signieren.
© 2011 Stuttgarter Zeitung