Selbst im Campingbus ist Platz für Theater

Kulturnacht 14000 Besucher erkunden das vielfältige Programm von Schauspielbühnen, Galerien, Kirchen und Clubs.

Von Christian Klenk

Der Abend verspricht ein Potpourri der Kultur. Die ganze Stadt scheint auf den Beinen, um die Schätze kleiner und großer Kunst auszubuddeln. Alles beginnt, wie es sich für eine erfolgreiche Schatzsuche gehört: mit Glücksgefühlen. In der Geißstraße 7, unweit des jüngst hundert Jahre alt gewordenen Hans-im-Glück-Brunnens, schicken sich prominente Gäste an, in eigens für die Kulturnacht verfassten Essays von persönlichen Erfahrungen mit dem Glück zu berichten. Die Stiftung Geißstraße und die Stuttgarter Zeitung haben eingeladen, zum Beispiel einen Bankmanager, der eine Branche vertritt, der man zuletzt eher glückloses Agieren attestierte. Oder die Ultraläuferin Elke Streicher, die Glücksgefühle hat, wenn sie in 536 Stunden quer durch Europa von Bari ans Nordkap läuft. Später kommt noch der Tübinger OB Boris Palmer hinzu.

Foto: Zweygarth

Aber zunächst nimmt Marion Ackermann auf der kleinen Bühne Platz. Dass sie diesen Herbst ihren Arbeitsplatz im Kunstmuseum verlassen hat und Leiterin der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen wurde, sei für Stuttgart ein Unglück, sagt Michael Kienzle, der Vorstand der Stiftung Geißstraße. Ackermann blickt also zurück auf ihre Zeit mit den Schwaben. Fortuna traf die Kunstdirektorin das erste Mal mit voller Wucht, da war das Museum noch gar nicht eröffnet. Ein Farbbeutel klatschte gegen die nagelneue Glasfront. Das Ergebnis des Protestes: von der sonst leeren Fläche tropfte ein großer roter Klecks, exakt in der Mitte und mit schönen Konturen. „Ich hatte richtige Glücksgefühle angesichts dieser Perfektion”, erzählt Ackermann.

Mit der schwäbischen Mentalität tat sie sich erst schwer, weil man den Leuten ihr Glücklichsein nicht gleich anmerke. „Tief herabhängende Mundwinkel” sah Ackermann in den Gesichtern – „net gschimpft isch globt genug”. Ob es sie deshalb zu den rheinischen Frohnaturen gezogen hat? Dabei wird Ackermann zum Schluss versöhnlich. Der Vorstoß ins Unbekannte liegt den Schwaben: Viele Erfinder und Künstler habe Stuttgart hervorgebracht. Auch „ideale Kunstbetrachter” lebten hier, „also Menschen, die besonders empfänglich sind für das Glück”.

Mit solch einem guten Zeugnis in der Tasche machen wir uns auf, Kunst und Kultur dieser Stadt zu entdecken. 73 Einrichtungen haben bis nach Mitternacht ihre Pforten geöffnet: Theater, Galerien, Kinos, Kirchen, Bars und Clubs. Vier Buslinien verbinden die Stationen. Im Vergleich zu den Vorjahren sind die Busse dieses Mal selten völlig überfüllt. Auch verteilen sich die Besucher gut auf die Häuser, man muss kaum anstehen. Mit 14 000 Kulturinteressierten sind etwas weniger gekommen als vom Stadtmagazin „Lift” als Veranstalter erwartet. „Das lag sicher auch am Wetter”, sagt Geschäftsführer Gerald Domdey.

Bei dieser Kulturnacht ist viel geboten, selbst ungewohnte Spielorte dienen der Kunst. Vor dem Eingang eines Bekleidungsgeschäftes in der Tübinger Straße haben es sich 50 Zuschauer auf Campingstühlen und mit Decken bequem gemacht. Einkäufer bahnen sich ihren Weg durch die Stuhlreihen, während im Schaufenster die Schauspielerinnen Andrea Leonetti und Kathrin Hildebrand Position einnehmen. Das Ensemble „Lockstoff” spielte schon in der Stadtbahn, im Hauptbahnhof und am Flughafen. Heute sitzt das Publikum auf der Straße und betrachtet zwei lebendig werdende Schaufensterpuppen, die Trachtenmode präsentieren. Bald fangen diese an mit ihrem sarkastischen Schauspiel voll schwarzem Humor. Sie spielen zwei Jägerinnen, die so lange über ihre Mitmenschen lästern, bis Schüsse fallen. „Ein gewisser Abschuss dient ja auch der Hege”, sagt eine Jägerin. Den Dialog hinter Glas hören die Zuschauer über Lautsprecher.

Der Gelenkbus schlängelt sich hinauf Richtung Bopser, vorbei am kleinen Amateur- und Zimmertheater, an Kunstakademie, Wortkino, Sternwarte und Villa Reitzenstein. Dann heißt es aussteigen. Mit dem Aufzug geht“s jetzt noch 144 Meter hinauf zum höchsten Spielort des Abends. Auf dem Fernsehturm macht Magier Thorsten Strotmann vor den Augen des Publikums aus einem 50-Euro-Schein einen Fünfhunderter. Es folgt das bewährte Handwerkszeug eines Zauberers: Ringe, Seil, Spielkarten, Becher – alles gekonnt und sympathisch vorgetragen.

Am Fuße des Turms wartet das kleinste Theater der Stadt: ein alter, postgelber VW-Bus. 252 000 Kilometer zeigt der Tacho. Hinten gibt es eine zweireihige Tribüne aus Holzbrettern. Die Plätze sind begehrt. „Der Rekord liegt bei elf Zuschauern”, sagt Schauspieler Thomas Weppel, der mit seinem Kollegen Michael Hecht im Halbstundentakt einen Ausschnitt aus dem Stück „Emigranten” des polnischen Dramatikers Slawomir Mrozek aufführt.

„In einem kleinen Raum irgendwo”, lautet die Ortsangabe in der Beschreibung des Dramas. Tür zu. Die Frontscheibe beschlägt sich, während die Protagonisten, ein intellektueller politischer Flüchtling und ein ungebildeter Gastarbeiter über das Leben sinnieren. Im Stück wird auch Wodka getrunken – Alkoholdämpfe umgeben das Publikum. So nah rückt einem ein Schauspieldrama selten auf die Pelle.

Wieder draußen an der frischen Luft zeigt sich Birgit Rismondo begeistert. „Das war der Höhepunkt.” Das Konzept der Kulturnacht sei gelungen. „Selbst wenn man super kulturinteressiert ist und die Stadt bereits gut kennt, lernt man noch immer Neues kennen.” Neben ihr an der Bushaltestelle steht Elke Barth und pflichtet bei: „Das macht Appetit auf mehr.” Von herabhängenden Mundwinkeln keine Spur.
KLENKC

© 2009 Stuttgarter Zeitung