Schwieriges Gelände: die Suche nach dem Glück

Philosophisches Mitten in der Krise ist ein Thema schwer in Mode gekommen: Was ist Glück? Stuttgarter diskutieren.

Von Erik Raidt

Worüber man in Talkshows alles problemlos plaudern kann: Mehrwertsteuererhöhung, Abwrackprämie, Afghanistaneinsatz der Bundeswehr oder die Milchkrise bei den Bauern. Man lehnt sich zurück, beugt sich vor, guckt wichtig und hört sich selbst gerne beim Reden zu. Sind ja schließlich alles Themen, zu denen man sich irgendwie eine eigene Meinung zurechtzimmern kann. Was die Stiftung Geißstraße jedoch in ihrem Salongespräch zur Diskussion stellt, ist von ganz anderem Kaliber. Es geht ums Ganze. Es geht um: das Glück.

Nicht weniger als zehn Gesprächsteilnehmer hat die Stiftung dazu eingeladen. Es ist schwülwarm, an der Decke kreisen Ventilatoren. Glücklich ist, wer sich in diesem Moment kühle Luft zufächeln kann und eine Flasche Wasser vor sich stehen hat. Glücklich ist auch derjenige, der den Fachverstand besitzt, der Anatomie des Glücks auf die Spur zu kommen. Michael Parys hat ihn. Der Stuttgarter Internist beschreibt das „Belohnersystem”, das den Menschen präge. „Es gibt kein besseres Gefühl als jenes, sich nach einer großen Anstrengung durchgesetzt zu haben. Dann schüttet der Körper Endorphine aus.”

Für Parys funktioniert Glück wie beim Tennis nach dem Matchball-Prinzip: man schlägt ein letztes Mal zum Sieg auf, verwandelt den Ball „und ist ganz berauscht, das ist ein großes Gefühl”. Aber liegt das Glück nur im Extremen, geht es nicht vielleicht eine Nummer kleiner? Brigitte Dethier, die Intendantin des Jungen Ensembles Stuttgart (Jes), glaubt unbedingt daran. „Ich erlebe Glück, wenn ich morgens auf dem Weg zur Arbeit mit dem Roller durch die Weinberge fahre.”

Überhaupt die Natur: fast jeder der auf dem Podium Schwitzenden verbindet mit ihr ganz persönliche Glücksmomente. Da ist von wogenden Kornfeldern die Rede, von dem Gefühl des Ausgeliefertseins in den Bergen. Und Johannes Milla, Geschäftsführer der Medienagentur Milla & Partner , schwärmt davon, wie er als kleiner Junge nachts am Meer saß und eine warme Brise herüberwehte. „Ist ein solches Erlebnis nicht unverdientes Glück?”

Schwer zu sagen. Die Suche nach dem Glück jedenfalls, das zeigt auch der Salon in der Stiftung Geißstraße, hat mitten in der Wirtschaftskrise Konjunktur. Unternehmenswerte halbieren sich im Rekordtempo, an den Börsen geht es ruck, zuck hinauf und noch viel schneller wieder hinunter. Scheinbare Gewissheiten entpuppen sich als Trugbilder, alles scheint im Fluss und die Richtung ungewiss. In solchen Zeiten sucht die Gesellschaft jenseits des Konsums nach echten Werten. Und nach den Antworten auf die wirklich wichtigen Fragen des Lebens.

Wie also verläuft der Weg zum Glück? Ist er planbar oder fällt dem einen das Glück in den Schoß, während es dem anderen die kalte Schulter zeigt? Verena Rathgeb-Stein beschäftigt sich mit diesen Fragen jeden Tag beruflich – sie leitet das Stuttgarter Standesamt. „Bei den meisten Eheschließungen”, erzählt sie, „schwebt das Brautpaar auf einer Woge des Glücks. Ich will in meiner Traurede aber auch den Blick dafür schärfen, dass das Glück erarbeitet werden muss.”

Jetzt treibt der Sound des Pietismus die Diskussion an. Brigitte Dethier vom Jes spricht über das „erkämpfte Glück, das sie im Anschluss an eine tolle Probe oder eine gelungene Inszenierung” verspüre. Es ist die Lust, die aus der Qual entsteht, die manche der Anwesenden beflügelt. „Glück beim Laufen ist planbar und machbar”, sagt der Hobbyläufer Michael Kienzle, der zugleich der Stiftung vorsteht. „Deshalb ist es ein großes Unglück, wenn das Knie weh tut und man nicht mehr laufen kann.”

Manchmal ähnelt das Glück eben einem Stück Seife: eben noch hielt man es fest in den Händen. Schwups, ist es schon entglitten. Man hetzt von einer Baustelle im Leben zur nächsten und vergisst dabei, das Glücksgefühl im Augenblick zu genießen. „Glück ist, nicht immer nur dem Erfolg hinterherzuhecheln”, sagt Katrin Steglich von der Agentur Curious Minds. Die These lässt sich durch Zahlen belegen: Regelmäßig landen die Deutschen weit abgeschlagen, wenn Menschen in aller Welt gefragt werden: Sind Sie glücklich?

Nach zwei Stunden strecken die Salonlöwen im Stiftungssaal die Waffen. Manches wurde neu erhellt, anderes blieb im Nebel. Viel langweiliger wäre es gewesen, zwei Stunden über die Abwrackprämie, die Steuererhöhung oder die Milchkrise zu reden. Zum Schluss geht ein Tablett durch die Reihen. Auf ihm liegen Glückskekse – genau richtig dosiert für die Zahl der Zuhörer.
GAYER
© 2009 Stuttgarter Zeitung