Mit Raff durch das „Deger-Loch”

Von Claudia Leihenseder

Der Historiker und StZ-Kolumnist zeigt „seinen” Stadtbezirk – und unterhält die Gäste mit Anekdoten, launigen Geschichten und markigen Sprüchen.

Eigentlich müsste diese Auflage des Stadtspaziergangs „Mein Stuttgart” anders heißen: nämlich „Mein Deger-Loch”. Denn Gerhard Raff, mit dem die rund 40 Teilnehmer des von der Stiftung Geißstraße und der Stuttgarter Zeitung organisierten Rundgangs durch die kalten Gassen liefen, fühlt sich auf keinen Fall als Stuttgarter. Und es klingt nach feindlicher Übernahme, als er die Eingemeindung Degerlochs im Jahr 1908 erwähnt: „Wir wurden einkassiert”, so der StZ-Kolumnist. Auch die Linde, ein Friedensbaum, die zu diesem Anlass an der Epplestraße/Ecke Mittlere Straße und Große Falterstraße vor mehr als 100 Jahren gepflanzt wurde, sei überhaupt kein Zeichen der Freiheit.

Aber jetzt mal von vorne: der Spaziergang beginnt nämlich auf Ur-Stuttgarter Gemarkung, dem Marienplatz. Mit der Zacke geht es die Alte Weinsteige hoch bis zur Wielandshöhe. Dann heißt es aussteigen. „Mühsam wie alle großen Geister” – so betont Gerhard Raff – sollen sich die Teilnehmer nach Degerloch hocharbeiten. Denn alle, die von Stuttgart aus in den Süden wollten, mussten auf der „Magistrale Stuttgart, Degerloch, Gotthard, Rom” die Alte Weinsteige erklimmen. Goethe, Casanova, Hegel – und die Gruppe der StZ-Leser an diesem Vormittag.

Am früheren Haigst, dem Santiago-de-Chile-Platz (die Umbenennung ist Raff übrigens ein Dorn im Auge), gibt es dann die offizielle Begrüßung: „Ihr lieben Herzele, herzlich Willkommen auf Degerlocher Gemarkung.” Die Spaziergänger grinsen. Und Raff fängt an zu erzählen. Von der Gründung Stuttgarts, vom Bau der Zacke. Die Idee sei 1894 von einem Degerlocher Gemeinderat geboren worden „zur Förderung des Höhenluftkurorts”. Raff berichtet weiter von den Villenerbauern oder dem seinem Bekunden nach ersten Amoklauf im Jahr 1913, bei dem Ernst Wagner, der Degerlocher Volksschullehrer, seine schwangere Frau und seine vier Kinder getötet hat. Im Heimatdorf seiner Frau, in Mühlhausen an der Enz, erschoss er noch neun weitere Menschen, ehe er überwältigt werden konnte.


Mit Stuttgart im Rücken, den Blick gen Degerloch: Gerhard Raff zeigt den Spaziergängern, wie besonders sein “Flecka” ist. Foto von: factum/Granville

Gerhard Raff redet sich in Rage, schmückt auf seine ganz eigene Art die Geschichten, knüpft Verbindungen zu seiner Familie und der Gegenwart. Die Gruppe führt er auch an das Grab des Degerlocher Sargbauers, der unter anderem die Särge für die Amokopfer hergestellt hat. Auch das Bleyle-Grab bleibt nicht unerwähnt, das Raff selbst unter Einsatz der Gartenschere vor dem Abräumen gerettet hat. Es war, so erzählt der Historiker, nämlich zugewuchert und verwildert. Die Spaziergänger hören zu und suchen die Sonne, während es gleich hinüber zu den nächsten Gräbern und Anekdoten geht. „Wir alle haben gerade das gemacht, was wir nur von unseren Politikern kennen: Wir sind über Leichen gegangen”, sagt Raff am anderen Ende des Friedhofs. Die Zuhörer lachen über den Scherz des Urschwaben.

Selbst nach mehr als zweieinhalb Stunden sprudeln aus Raff noch immer Geschichten um Geschichten. „I könnt au zwoi Stond weiterschwätze”, sagt er zur Mittagszeit. Heute sei es ja schließlich zum Nulltarif, meint er: „I hoiß bloß Raff.”

Wieder grinsen die Zuhörer und trotten weiter durch Degerloch. Es gibt so viel über diesen Ort zu wissen und zu erfahren, diese Siedlung am „North Rim des Stuttgart Canyon”. Und dann lüftet Gerhard Raff das große Geheimnis, das auch Stuttgarter interessieren könnte: Wo kommt eigentlich der Name Degerloch her? „Das hat mit Loch überhaupt nichts zu tun”, sagt der Historiker. Ursprünglich hieß der Ort „Tegerlohe”, was so viel wie „der große, starke, umfangreiche, dichte Wald” bedeutet.

Das „Loch” ist Gerhard Raff aber trotzdem ans Herz gewachsen. Und so macht er in seine Bücher als Markenzeichen immer auch ein kleines hinein.

© 2011 Stuttgarter Zeitung