In die winzigen Zimmer ist kaum ein Sonnenstrahl eingefallen

Der Autor Bernd Langner erzählt im Interview vom Aufstieg eines einstigen Armenviertels – Heute könnten Stadtplaner eine Menge von der geglückten Sanierung lernen

Schmutzig, finster und eng – so lebten die Bewohner im Viertel rund um den Brunnen, bevor es vor 100 Jahren saniert wurde. Bernd Langner hat ein Buch über die Neugestaltung der Altstadt geschrieben. Erik Raidt erzählt er, wie Luft und Licht in die Hinterhöfe gelangten.

Wir sitzen hier in einem der derzeit angesagtesten Viertel der Stadt. Wie lebten die Menschen früher an diesem heute so lauschigen Ort?

Wo heute Nachtschwärmer in Bars sitzen und Geschäfte eröffnet haben, war einst eine Armeleutegegend. Bevor das Viertel vor 100 Jahren saniert wurde, gab es enge Höfe, finstere Gassen und schmutzige Winkel.

Um sich das heute vorstellen zu können, braucht man viel Fantasie.

Oder einen alten Stadtplan. Darauf sieht man, dass es rund um den Brunnen noch enger war als in der Esslinger Altstadt. Das Quartier wurde Anfang des 20. Jahrhunderts vom Armenwesen betreut. Hier lebten diejenigen, die wenig Geld hatten – kleine Handwerker beispielsweise. Die Metzger schlachteten unter schlimmen hygienischen Bedingungen, die Kanalisation war ungenügend. Man kann sich vorstellen, was bei Hochwasser alles auf den Straßen geschwommen ist.

Bei Hochwasser?

Das kam damals in diesem tief gelegenen Gebiet häufiger vor. Der Nesenbach floss nur 150 Meter entfernt. Die Menschen lebten mit dieser Gefahr, und sie wohnten in winzigen Zimmern, in die kaum ein Sonnenstrahl drang. Die Straßen waren zwei, drei Meter breit, und sie wurden von fünfgeschossigen Häusern in tiefe Schatten getaucht.

Deshalb entschied man sich 1904 für eine grundlegende Sanierung. Was wollte man in diesem Viertel erreichen?

Die Stadtplaner vergrößerten die Hinterhöfe und verbreiterten die Straßen. Die Gebäude wurden massiv gebaut und mit Eisen verstärkt. Deshalb überstanden viele Häuser den Zweiten Weltkrieg. Um 1909 siedelte man gezielt Metzger, Bäcker und andere Handwerksbetriebe an. Viele Gaststätten entstanden. Und nebenan in der Eberhardstraße öffneten moderne Geschäfte, die Wäsche, Hüte sowie Damen- und Herrenkonfektionen verkauften.

Noch heute sieht man an Giebeln, Erkern und über Türen auf dem Platz Märchenfiguren. Wie kam es zu dieser Romantisierung des Platzes am Hans-im-Glück-Brunnen?

Schon damals wollte man an die gute alte Zeit und bürgerlichen Wohlstand erinnern. Also forderten die Planer Stuttgarter Maler und Bildhauer auf, zum Schmuck des Viertels beizutragen. Über dem Erker einer damaligen Bäckerei ist noch heute ein Hänsel-und-Gretel-Motiv zu erkennen. An der Nadlerstraße prangt das Stuttgarter Hutzelmännlein. So entstand eine heimelige Atmosphäre.

Die dennoch nicht wie eine kitschige Inszenierung wirkt. Worin besteht für Sie der besondere Charme dieses Quartiers?

Es ist ein Viertel, das so aussieht, als ob es sehr lange gewachsen sei, obwohl es „nur” 100 Jahre alt ist. Die Arkaden, die Säulen und Erker machen den Platz unverwechselbar. Viele Menschen identifizieren sich mit ihm. Sie haben das Gefühl: „Hier gehöre ich hin.” Im Sommer sitzen die Leute in den Straßencafés, dann erlebt man ein mediterranes Flair.

In Stuttgart gibt es nur wenige Plätze mit einer solchen Ausstrahlung. Was können heutige Stadtplaner von der geglückten Sanierung dieses Teils der Altstadt lernen?

Dass sich Menschen an einem Ort wohlfühlen, lässt sich nicht verordnen. Viele neu geplanten Viertel werden von den Bewohnern und Besuchern nicht angenommen, weil sie dort nichts finden, was typisch ist. Der Platz am Hans-im-Glück-Brunnen befriedigt eine Sehnsucht nach Harmonie und Schönheit. Das wäre auch eine Vision für eine zukünftige Stadtplanung.

Bernd Langner, Michael Kienzle, Herbert Medek: Inszeniertes Glück. Die erneuerte Stuttgarter Altstadt 1909. Herausgeber: Stiftung Geißstraße 7, erschienen im Karl Krämer Verlag Stuttgart. 9,80 Euro.