Neun Wochen lang laufen, siebzig Kilometer am Tag: glücklich ist, wer diese Herausforderung besteht.
Auf Einladung der Stuttgarter Zeitung und der Stiftung Geißstraße 7 haben sich sieben Autoren auf die Suche nach ihrem persönlichen Glück gemacht. Die Beiträge dokumentieren wir in lockerer Folge.
Heute: der Text der Extremläuferin Elke Streicher.
Als ich nach dem Transeuropalauf im Juni gefragt worden bin, ob ich bei der Stuttgartnacht etwas über das Thema Glück erzählen könnte, sagte ich spontan zu. Nun sitze ich hier und versuche, mit etwas Glück etwas aufs Papier zu bringen.
Was ist eigentlich Glück? Glück haben – glücklich sein. Aber ist zwischen diesen beiden Ausdrücken nicht ein Unterschied? Glück haben assoziiere ich mehr mit Zufall, etwas, worauf man selbst keinen Einfluss hat. „Glück gehabt!” ist für mich zum Beispiel, wenn ich durch Zufall zur richtigen Zeit am richtigen Ort bin. Aber „Glück gehabt” sage ich auch, wenn ich beim Laufen stolpere und mich gerade noch einmal fangen kann, ohne zu stürzen. Also doch persönliche Einflussnahme?
Glücklich sein hat für mich etwas mit Zufriedenheit zu tun, mit Kribbeln im Bauch, mit Freude und auch mit Liebe. Ich bin glücklich, wenn ich es geschafft habe, mich nach einem anstrengenden Arbeitstag abends doch noch aufzuraffen und ins Training zu gehen, oder wenn ich nach längerer Abwesenheit die Panoramastraße herunterfahre und nach Hause komme. Glücklich bin ich auch, wenn ich morgens laufen gehen und genießen kann, wie der Tag langsam erwacht, wie die Vögel zwitschern, die Sonne aufgeht und ich ein unendliches Gefühl der Freiheit empfinde.
Kann man überhaupt glücklich sein, ohne frei zu sein? Wenn man nicht die Freiheit hat, selbst Entscheidungen zu treffen, sondern äußeren Zwängen unterliegt? Andererseits habe ich auch Leute gesehen, die nicht frei sind und dennoch durch eine Kleinigkeit einen Moment lang glücklich sind. Also ist glücklich sein etwas zeitlich Begrenztes? Kann man ständig glücklich sein? Ich denke nicht. Das Glücksgefühl ist umso schöner, wenn man hart dafür gearbeitet hat oder wenn man zuvor auch Leid, Stress oder Niederlagen erfahren hat.
. . . auch mit dem Laufen: Die nächste Etappe wartet schon. Foto: Blickwinkel
Aber „jeder ist seines Glückes Schmied”: die Kunst, glücklich zu sein, heißt doch, inneren Frieden mit sich, der Welt und den individuellen Rahmenbedingungen gefunden zu haben und das Beste daraus zu machen. Positiv zu denken! Glück ist demnach beeinflussbar. Wir haben die Möglichkeit, unser Glück selbst in die Hand zu nehmen. Die Welt liegt uns zu Füßen, mit unendlich vielen Möglichkeiten, wir müssen nur mit offenen Augen durch den Tag gehen und bereit sein für Neues und für Veränderungen. Die Kunst ist es, Träume zu haben, sich Ziele zu setzen und diese zu verwirklichen, um dann nach Verwirklichung oder Zielerreichung dieses unendliche Glücksgefühl zu erleben, nach dem wir alle streben. Glück ist für mich eng mit neuen Herausforderungen verknüpft.
Meine letzte große Herausforderung war der Transeuropalauf, ein Lauf von Bari bis ans Nordkap, 64 Tage mit einer durchschnittlichen Tagesleistung von 70 Kilometern. Also nahezu die Strecke von zwei Marathons am Tag und das tagtäglich neun Wochen lang – mehr als zwei Monate! Nicht zu fassen, selbst für mich. Aber gerade deshalb habe ich mich vor drei Jahren entschlossen, dabei zu sein. Ich war mir sicher, dass ich alle Hebel in Bewegung setzen werde, um mir diesen Traum zu erfüllen. Ich hatte Glück: Ich wurde von vielen Seiten unterstützt, von meinem Arbeitgeber, von Sponsoren, von meiner Familie und meinen Freunden. Aber dieses Glück habe ich mir hart erarbeitet. Ich schmiedete mein Glück fleißig, um am 19. April 2009 in Bari an der Startlinie zu stehen.
Die Vorbereitung war ein langer Weg. Drei Jahre lang habe ich mich intensiv auf diesen Traum vorbereitet, sowohl im Training wie auch mental. Ich hatte anfangs eine durchschnittliche Kilometer-Wochenleistung von 150, im zweiten Jahr steigerte ich diese auf 175. Das sind knapp zwanzig Laufstunden pro Woche. Dass da neben einem Fulltimejob nicht mehr viel ging, versteht sich von selbst. Drei lange harte Jahre lagen hinter mir, mit vielen Entbehrungen und der Vernachlässigung sozialer Kontakte und anderer Aktivitäten. Ein Tagesablauf, der bestimmt war von Training und Arbeit. Laufen bei Wind und Wetter, ohne Ausreden und Ausnahmen, mit dem Ziel im Kopf: dem Transeuropalauf 2009.
In der Vorbereitungszeit machte ich drei „kleinere” Etappenläufe. Zweimal den Deutschlandlauf von Rügen nach Lörrach und einmal eine Frankreichdurchquerung von der Bretagne bis ans Mittelmeer. Diese Läufe hatten das gleiche Prinzip: tägliches Laufen mit einer Leistung von etwa 70 Kilometern. Wie beim Transeuropalauf, nur eben 1000 Kilometer in 17 Tagen anstelle von 4500 Kilometern in 64 Tagen. Im Nachhinein betrachtet, habe ich mir bei diesen Läufen die entscheidende Erfahrung für den Transeuropalauf angeeignet.
Bereits beim ersten Deutschlandlauf musste ich Lehrgeld bezahlen. Zu schnelles Loslaufen bewirkte eine Schienbeinentzündung, das läuferische Glücksempfinden verwandelte sich schnell in Unglück. Zu wenig Zeit zur Regeneration führte zur kontinuierlichen Verschlimmerung, mein hohes Anfangstempo rächte sich bitterlich. Heulend vor Schmerzen wanderte ich die letzten Etappen, an Laufen war nicht mehr zu denken. Ich bin in diesen Tagen durch die Hölle gegangen. Umso schöner war der Zieleinlauf. Dieses Glücksempfinden, als ich dem Ziel näher kam, die letzten Meter bis zur Ziellinie, Gänsehaut. Ein unvergesslicher Augenblick des Glücks und des Gefühls unendlicher Stärke. Ich fühlte mich mental so stark, dass ich überzeugt war: was auch immer in Zukunft kommen möge, ich würde mit jeder Situation fertig.
Wäre dieses Glücksempfinden das Gleiche gewesen, hätte ich nicht zuvor diese Leiden durchstehen müssen? Glück ist vergänglich, das ist leider so. Und daher hält das Glücksgefühl vom Zieleinlauf auch meist nicht allzu lange an. Vielleicht ist das ein Grund, weshalb man nach einem Erfolg gleich wieder die nächste Herausforderung sucht? Kommt das Glück nur wieder, wenn die Herausforderung größer ist?
Die Herausforderung war größer, als ich in Bari überglücklich an der Startlinie stand. Von Eisdiele zu Eisdiele bis ans Nordkap, so lautete eine Schlagzeile in der Zeitung. Genau das nahm ich mir vor: langsam zu machen, den Lauf zu genießen. Mein individuelles Glück war es, bei diesem Ereignis mit dabei sein zu können. Wer jedoch denkt, ich kam von einem Endorphinrausch in den nächsten, irrt gewaltig. Gibt es diesen Endorphinrausch wirklich? Ich glaube nicht – wenn man jeden Tag siebzig Kilometer laufen „muss”.
© 2009 Stuttgarter Zeitung