Familienvater und Massenmörder

Ein Vortrag in der Stiftung Geißstraße: Was ganz normale Menschen zu Verbrechern gemacht hat

Schleichende Aushöhlung der Werte und durchdachte Arbeitsteilung: so sind ganz normale Menschen im Nationalsozialismus zu Massenmördern geworden. Das wenigstens ist die These des Sozialpsychologen Harald Welzer, der jetzt in der Stiftung Geißstraße 7 gesprochen hat.

Von Bettina Maierhofer

Was hat Heinrich Himmler zum Täter gemacht, was Oskar Schindler zum Verweigerer? Bildung, die soziale Schicht oder Religionszugehörigkeit waren es jedenfalls nicht. Für den Sozialpsychologen Harald Welzer aus Essen sind vielmehr die Umstände entscheidend; Umstände, die schleichend zur Normalität wurden. “1933 hätte die Reichskristallnacht wohl noch Proteste ausgelöst, fünf Jahre später war die Toleranzschwelle schon eine ganz andere”, sagte Harald Welzer jetzt in der Stiftung Geißstraße – sein Vortrag ist Teil der großen Veranstaltungsreihe “Empathie” der Stiftung.

Enorme gesellschaftliche Umbauprozesse hatten bis dahin bereits stattgefunden. Die Menschen seien Teil dieses Prozesses gewesen, und so seien ihnen die Veränderungen häufig schlicht nicht aufgefallen, glaubt Welzer. Sie nahmen die festgelegte Einteilung in verschiedene Menschengruppen schließlich als gegeben hin. Eine Ausnahme sei es gewesen, wenn die Menschen direkt neben den Opfern lebten. Für Welzer erklärt dies auch, weshalb Zeugen nichts von den grausamen Vorgängen mitbekommen haben wollen: “Das, was normal ist, bleibt nicht als unnormal in der Erinnerung hängen.” Das ungute Gefühl über das eigene Tun werde schrittweise geschwächt und schließlich abgestellt. Dem liege ein psychologischer Mechanismus zu Grunde: “Um unsere Handlungen nicht in Frage stellen zu müssen, verhalten wir uns das nächste Mal wieder genauso.” Und fühlen uns dabei zunehmend weniger schlecht.

Die Hauptquelle für Welzers Recherchen waren Ermittlungsakten der NS-Prozesse. Sie gaben dem Sozialpsychologen erstaunliche Aufschlüsse. So stellte er fest, dass kaum einer der Täter später unter dem litt, was er getan hatte: “Sie fühlten sich nicht als Mörder.” Soziale Prozesse hätten dazu geführt, dass die Menschen es für sinnvoll gehalten hatten, sich für das Töten zu entscheiden.

Zwar hatten zunächst die meisten Schwierigkeiten damit, es gelang ihnen aber nach und nach, ihr Handeln vor sich selbst zu rechtfertigen. Ein Angeklagter habe sich bei den Ermittlungen damit gerühmt, nur Kinder getötet zu haben. Sein Kollege habe die Mütter erschossen, und so seien seine Todesschüsse für die Kinder eigentlich eine Erlösung gewesen, so rechtfertigte sich der Mann – schließlich wären sie sonst Waisen gewesen. Auch soziale Normen in einer Gruppe spielten eine Rolle. “Die Offiziere wussten, wenn sie die Juden nicht töten, muss es jemand anders machen.” Keiner habe sich drücken wollen. Sonst wäre ein schlechtes Licht auf den Vorgesetzten gefallen.

So sei es auch nicht zunehmende Brutalisierung gewesen, die die Massenerschießungen nach 1941 ermöglicht habe, sondern die Gewöhnung an das Morden. Der Tötungsmaschinerie im Nationalsozialismus habe eine genau durchdachte Arbeitsteilung zu Grunde gelegen. Die Professionalisierung der eigenen Handlung habe zunehmend das Denken der Beteiligten beherrscht. Gedanken an den Sinn und Inhalt der Aufgabe seien so verdrängt worden – Routine sei eingekehrt.

“Nie wieder”, das bleibe zu hoffen, so Welzer. Spätestens der Genozid in Ruanda zeige aber, dass es nach wie vor möglich ist, dass normale Männer zu Massenmördern werden – und nicht daran zu Grunde gehen.