Stuttgart ist nicht mit Paris oder Berlin vergleichbar, und daran ändern auch Großprojekte nichts. Es gilt daher, die eigenen Stärken zu erkennen und zu entwickeln.
Zahlreiche Großprojekte werden das Stuttgarter Stadtbild in den kommenden Jahren verändern. Stiftung Geißstraße und Stuttgarter Zeitung haben sechs Architekten eingeladen, über ihre Visionen zur Zukunft der Stadt zu sprechen. Die Beiträge der Teilnehmer veröffentlichen wir in loser Folge.
Ich lebe mit dem Privileg, nächtens, ohne um den Schlaf gebracht zu sein, auf Stuttgart blicken zu können. Friedlich schlummert die Innenstadt einen vermeintlich unschuldigen Schlaf. Der Tagblattturm, ein (ver-)frühtes Zeugnis von versuchter, wenig angenommener Modernität, schimmert mit blassem Neonglamour, und der gute Rest schläft im Halbdunkel. Kaum vorstellbar, dass es um Zukunft und nicht nur um eine romantisierte Vergangenheit gehen könnte. Trotzdem schaue ich mit Zuneigung. Weshalb eigentlich? Trügerische Heimatgefühle oder nur Bequemlichkeit? Was tun, damit Gewohnheit zur Heimat werden kann?
Stuttgart bietet im nationalen und internationalen Vergleich Überschaubarkeit, relative Sicherheit und relativen Wohlstand, aber auch Begrenzung, Probleme und Stillstand. Im Einzelnen:
Stadt der Vielfalt? Stuttgart handelt oft vordergründig in seiner Entwicklung. Das schale und fast immer jubelhaft ausgestoßene Zauberwort: „Wir haben einen Investor!” mag zwar den Mechanismen der marktwirtschaftlichen Immobilienwirtschaft entsprechen, vermag aber in der Regel, wenn überhaupt, außer Renditen nichts zu versprechen. Die Qualität, die Angemessenheit und die Akzeptanz bleiben allzu oft auf der Strecke. Die Bürger nehmen die Projekte allenfalls aus merkantiler Vernunft, aber nicht mit Empathie an. Man nenne ein „geliebtes” Investorenprojekt der letzten Jahre!
Wo liegt das Problem? Im Maßstab! Neue Projekte sind gut, notwendig und zukunftsfähig, wenn die Heterogenität als unabdingbare Notwendigkeit der Stadtentwicklung verstanden wird. Stadt lebt durch Vielfalt, durch Sprünge, Irritationen, Qualität, Eigenwilligkeit, auch durch Fehler. Praktisch gesehen ist es richtig, das räumliche Gefüge der Stadt des 19. Jahrhunderts als städtebauliches Leitbild für die Innenstadt zu zitieren. Praktisch gesehen sollte nicht ein Quartier durch einen Investor, ein Baurecht, einen Architekten in einer Zeitperiode realisiert werden, sondern durch viele. Wir könnten mit all dem unterschiedlichen Träumen, Realisieren und Scheitern die Vielfalt und damit Lebensqualität sichern. Lebendigkeit gegen Langeweile.
Die „Mutter” der Stadt des 19. Jahrhunderts, Paris, kennt zwanzig Arrondissements mit über zwei Millionen Einwohnern. Alles ist individuell im Rahmen eines Gestaltkanons ausgeformt, nur eine großartige Rue de Rivoli erlaubt sich gegenüber dem Louvre und dem Jardin des Tuileries Einförmigkeit bei höchster Qualität. Stuttgart dagegen erlaubt sich ständig Einförmigkeit mit wenig Qualität. Stuttgart bräuchte noch mehr Mut zur Vielfalt, zur Geduld, zur Entschleunigung. Quartiere von vielen für viele.
Fotos: Stoppel, Zweygarth


Nachts verbreitet der Tagblattturm einen Hauch von Großstadtglamour. Eine Stadt am Fluss ist Stuttgart, obwohl vom Neckar durchzogen, bis heute nicht.
Stadt der ungenutzten Orte? Stuttgart hat vielfältigere Angebote, als es vielen bewusst ist und von allen überhaupt genutzt wird. Die einzigartige Topografie des Kessels steht für das Stadtbild, das Potenzial des Neckars bleibt jedoch noch ungenutzt. Der Neckar hat infrastrukturelle und industrielle Tradition. Handelswege und Produktion am Wasser waren von Bedeutung. Handelswege und Produktion haben heute und in Zukunft andere Optimierungsparameter. Der Fluss liegt immer noch brach. Stuttgart, die Stadt am Wasser, klingt noch fremd, doch der Blick in andere Städte zeigt auf, dass wesentliche Impulse für eine Stadtentwicklung vom Bauen am Wasser ausgehen können.
Stadt des verlorenen öffentlichen Raums? „Benztown” oder die autogerechte Stadt. Fehler der sechziger und siebziger Jahre sollen hier nicht erneut beklagt werden. Stuttgart sollte endlich unter eindeutiger Fokussierung den individualisierten, motorisierten Verkehr auf ein erträgliches Maß zurückdrängen. Die autogerechte Stadt wendet sich gegen ihre Bewohner. Die Vorstellung, die Zukunft läge in einem physischen Mobilitätszeitalter, ist überholt. Es kommt immer weniger darauf an, so schnell wie möglich von A nach B zu kommen, da sich die Kommunikations- und Arbeitsstrukturen ohnehin virtuell entwickeln. Urbanität war einmal Mobilität. Also sollte die Preisgabe der Stadtautobahnen, der unwirtlichen Kreuzungen, der Parkierungsmaximierung nicht so schwer fallen.
Die Umwandlung in Boulevards, in Plätze, in Straßen jeweils mit einer angemessenen Balance zwischen Fahrzeugen und Fußgängern wäre der entscheidende Gewinn. Jede Belebung und Qualitätsverbesserung des öffentlichen Raums ist Lebensqualität.
Hightech in Slow Motion? Nachhaltigkeit ist eine Chance für Stadt und Region. Ist es nicht müßig, den Begriff zu diskutieren, da Stuttgart so viel Bestand und damit Unveränderbares in sich birgt? Wir wissen, dass die konstruktive Auseinandersetzung mit Energie und Umwelt die Taktzahl einer Gesellschaft bestimmen kann. Die Mobilitätsgesellschaft, sofern sie Zukunft hat, entwickelt ihre Taktzahl aus technischen Innovationen im Zusammenhang mit sparsamem Umgang von Ressourcen. Die Stadtgesellschaft hat den sparsamen Umgang mit Ressourcen noch nicht als Taktgeber entdeckt. Noch immer werden Infrastruktur und Gebäude hier vorwiegend investiv betrachtet.
Eine Lebenszyklusbetrachtung von Infrastruktur und Gebäuden bietet Chancen. Innovative Technologien können entwickelt, produziert und eingesetzt werden. Der Fokus liegt nicht im Detail, sondern auf der systemischen Betrachtung von Gebäuden. Eine Sichtweise, die es erlaubt, vieles zu hinterfragen und vor dem Hintergrund der Ergebnisse Altes zu bewahren, Altes zu verändern, Altes durch Neues zu ersetzen, Neues besser zu gestalten.
Es könnte sich eine andere Qualität der Diskussion etablieren. Das etwas säuerliche, durch Auflagen bestimmte Energiesparen könnte durch innovatives ganzheitliches Handeln ersetzt werden. Ganzheitliches Handeln bedeutet sorgsam mit Boden umzugehen, mit Wasser als hohem Gut zu haushalten, wenig Energie zum Bauen und zum Unterhalt einzusetzen, Baustoffe ressourcenbewusst auszuwählen, Flexibilität der Nutzung zu ermöglichen, eine sinnvolle Entsorgung vor dem Bau zu planen, Behaglichkeit und Gesundheit bewusst zu fördern und damit innovativ zu handeln. Die Taktzahl einer Stadtgesellschaft würde eine zukunftsorientierte und nachhaltige Ausrichtung auch im Planen und Bauen erhalten. Den Takt zu beschleunigen und die eine oder andere Synkope zu leben, das könnte mir gefallen.
Stadt ohne Plan? Eine unzulässige Frage, da doch alle alles planen. Selbstverständlich gibt es Bauleitpläne, Bebauungspläne, Bauanträge – das ganze Repertoire – vieles wird sorgfältig entwickelt und vieles sorgfältig abgewogen. Dennoch, es fehlt ein Bild, die Vision Stuttgarts. Verbinden wir die Stadt Stuttgart mit dem etwas ältlichen, durchaus Potenzial bergenden Werbeslogan „. . . zwischen Wald und Reben”. Hier hat sich zumindest ein treffendes Bild des topografischen Alleinstellungsmerkmals eingestellt. Das „Grüne U” als Vegetationsklammer zwischen Innenstadt, Bad Cannstatt und Killesberg hatte vergleichbare Wertigkeit, wenn es auch nur ein wichtiges Detail war. Heute verbinden wir die Stadt Stuttgart mit kardiologischen Plattitüden, deren Charakteristikum in ihrer modischen Unverbindlichkeit besteht.
Ein Bild aus der zweifellos wirtschaftlich prosperierenden Region verbietet sich. Zersiedlung ist zwar ein Charakteristikum, aber als Bild nur für Zyniker geeignet. Ich gestatte mir eine konservative Haltung. Die Proportion des Stadtraums, das Erleben der Hänge, die Kultivierung des öffentlichen Grüns, die Bestärkung des öffentlichen Raums, die Förderung der individuellen, qualitätvollen Architektur ergeben Maßstab, Rhythmus, Qualität, Atmosphäre. Angemessenheit ist Grundvoraussetzung.
Schauen wir zu unseren westlichen Nachbarn: Nantes ist nicht Bordeaux, Bordeaux ist nicht Lyon, Lyon ist nicht Paris. Die Entwicklungslinie geht von der sympathischen Provinzstadt über die bedeutungsvolle Region hin zur Weltstadt. Die erstgenannten Städte sind mit einer ausgezeichneten, innovativen, gelegentlich radikalen Planungskultur ausgestattet. Deswegen kann unser Bild nicht mit Berlin oder Paris vergleichbar sein. Wir sind vielleicht ein Nantes und vielleicht ein Bordeaux, irgendwo dazwischen, auf der Suche nach innerer und äußerer Schönheit . . . wir sollten uns daher von der Vorstellung lösen, dass Großprojekte mit einem Ruck eine Stadt verändern. Unverwechselbare Urbanität entsteht im Kleinen, in der Angemessenheit und im Kollektiv.
Die Stadt, ein Mosaik? Der beschworene Gleichklang soll nicht Leitbild für die architektonische Ausformung der Gebäude sein. Wie ein Mosaik entsteht die Faszination der Architektur aus der Unterschiedlichkeit der Facetten. Aus der Nähe verwirrend, vielfältig, unterschiedlich, aus der Ferne ein ganzheitliches Bild. Lassen wir die individuelle architektonische Äußerung zu, um im Rahmen des definierten Stadtraums das unverwechselbare Bild zu erhalten. Selbst eine Patchworkdecke entwickelt ästhetischen Reiz, also Mut zum Risiko. Allerdings, so bunt das Patchwork auch sein mag, die Decke hat ein rechteckiges Format. Also wenige einfache, strenge Regeln und viele große, individuelle Freiheiten.
Stuttgart, eine Vision? Die Qualität Stuttgarts in der Zukunft liegt in der Summe der Maßnamen. Das Bekenntnis zur Vielfalt, die Entdeckung von vorhandenen Orten, die Offenheit für eine ganzheitliche Betrachtung des Planens und Bauens unter ökologischen Aspekten und die Formulierung und offene Diskussion eines „großen” Plans stehen zueinander in unabdingbarer Beziehung. Die öffentliche Diskussion muss ebenso unabdingbar geführt werden. Stuttgart kann ausgesprochen lebenswert und gelegentlich liebenswert sein, weiterhin und noch viel mehr.
Bisher erschienen Franz Pesch (1. 12.), Arno Lederer (6. 12.), Stefan Behnisch (8. 12.)

Autor
Jörg Aldinger hat in Stuttgart und Haifa Architektur studiert. 1983 gründete er hier sein erstes Büro, seit 1994 ist er Professor für Energieoptimiertes Bauen und Entwerfen an der Hochschule Biberach. Mit Dirk Herker und Thomas Strähle als Partner gründete er vor fünf Jahren das Büro Aldinger Architekten Planungsgesellschaft.
Bauten
Schulen sind ein wichtiger Schwerpunkt des Büros. Die Werkliste reicht von der Stuttgarter Waldorfschule auf der Uhlandshöhe über das Berufsschulzentrum in Balingen bis zur Realschule in Lenningen. Weitere Projekte sind das Anna-Haag-Generationenhaus und die Bezirksärztekammer in Stuttgart. Ein wichtiges Projekt des Büros war das Hospiz St. Martin in Degerloch, für das es keine typologischen Vorbilder gab. Die Architekten führten einen öffentlichen Weg durch das Gebäude hindurch, um so Leben und Tod zu verbinden
SAYAH
© 2010 Stuttgarter Zeitung