Eine Staffel erinnert künftig an Fritz Wisten

Späte Ehrung für einen großen jüdischen Künstler

Der Schauspieler Fritz Wisten ist der Liebling des Stuttgarter Publikums gewesen, doch 1933 haben ihn die Nazis verjagt. Nun trägt eine kleine Staffel im Westen seinen Namen, und in einer Matinee im Schauspielhaus wird morgen an den großen jüdischen Künstler erinnert.

Von Thomas Borgmann

Als er im März 1890 in Wien geboren wurde, hieß er Moritz Weinstein. Später nannte er sich Fritz Wisten. Mit 19 Jahren begann er seine Ausbildung zum Schauspieler, erste Engagements folgten. Wegen seiner angeschlagenen Gesundheit musste er im Ersten Weltkrieg nur fünf Monate lang Soldat sein. Eisenach war seine erste wichtige Station als Schauspieler und Regisseur. 22 Stücke hat er dort inszeniert und 216 (!) Rollen gespielt. 1919 wechselte er an das Deutsche Theater nach Stuttgart, das an der Ecke Heusteig- und Lehenstraße stand. Wisten brillierte hier als Don Carlos, als Macbeth und Mephisto. Die Theaterkritik lobte ihn in den höchsten Tönen, das Publikum lag ihm zu Füßen.

Schon während des Jahres 1930 begannen die Nationalsozialisten, Fritz Wisten und andere jüdische Schauspieler hämisch zu verunglimpfen. Niemand nahm die Bedrängten in Schutz. Im März 1933 bekam Stuttgarts beliebtester Schauspieler nach zwölf erfolgreichen Jahren von seinem Intendanten Albert Kehm einen lapidaren Brief: “Wir teilen Ihnen ergebenst mit, dass bei der beabsichtigten Neuordnung der Verhältnisse am Landestheater nicht mehr die Absicht besteht, Ihren Vertrag zu erneuern.” Damit endete seine Stuttgarter Zeit. Fritz Wisten ging nach Berlin, wo er weiter Theater spielte, im Jüdischen Kulturbund aktiv war, dann verhaftet und nach vielen Kriegswirren schließlich zur Zwangsarbeit verurteilt wurde. Nur seine “Mischehe” mit der Stuttgarter Schauspielerin Gudrun Widmann bewahrte ihn vor der Deportation. Nach 1945 konnte er am Deutschen Theater auftreten und die Leitung des Theaters am Schiffbauerdamm übernehmen, das später durch Bert Brecht weltbekannt wurde. Fritz Wisten förderte damals junge Schauspieler wie Klaus-Jürgen Wussow, Armin Müller-Stahl und Michael Degen, leitete zu DDR-Zeiten die Volksbühne und starb, hoch geehrt, im Dezember 1962 nach schwerer Krankheit.

Die Stiftung Geißstraße hat ein Denkblatt für Fritz Wisten herausgebracht. Gestern hat Bürgermeister Klaus-Peter Murawski im Beisein vieler Nachfahren an der Rotebühlstraße 177 im Westen die Fritz-Wisten-Staffel eröffnet. Morgen um 11 Uhr erinnern Schauspieler im Kleinen Haus an ihren großen jüdischen Kollegen. Seine Erinnerungen an die Stuttgarter Jahre von 1919 bis 1933 gibt es im Antiquariat unter dem Buchtitel “Drei Leben für das Theater”.

BORGMANNT
© 2006 Stuttgarter Zeitung