Eine extravagante Ikone aus Stuttgart

Sie haben ihre Spuren in der Geschichte von Stuttgart hinterlassen:

Die Denkblätter der Stiftung Geißstraße und der Veranstaltung Unitext stellen Persönlichkeiten vor, die in Vergessenheit geraten sind – wie die Kriegsfotografin Gerda Taro.

Von Jenni Roth

Die Dias an den Wänden der Stiftung Geißstraße sind schwarz-weiß. Gerda Taros Augen leuchten, ihre Haare wirken dunkel. Dabei wurde sie “pequena rubita” genannt, der hübsche Blondschopf, und ihr Strahlen wurde nach nur 27 Jahren ausgelöscht. Anne Klasen erzählt vom Luftangriff einer deutschen Legion: “Fotografieren war in den 30er-Jahren noch eine Männerdomäne. Gerda Taro bezahlte ihre Leidenschaft mit dem Leben.” Klasen studiert Germanistik an der Uni Stuttgart und stellt im Rahmen von Unitext mit ihren Kommilitonen Annegret Hägele und Matthias Morhardt das Denkblatt zu der Stuttgarter Fotografin vor. Seit elf Jahren engagieren sich Studierende fernab von grauer Theorie. “Eine gute Abwechslung zu den Hausarbeiten.” Dem stimmt der Projektleiter und Stiftungsvorsitzende, Michael Kienzle, zu: “Die Studenten lernen praktische Dinge – Veranstaltungen organisieren, moderieren, Rechnungen stellen.” Als Dozent gibt er Aufträge von Agenturen od er öffentlichen Einrichtungen an die Studierenden weiter. Neben Biografien und “Zeichen der Erinnerung” liegen ihm die Denkblätter besonders am Herzen. Den Anfang machte er 1998 mit einem Blatt zu dem in Stuttgart umgebrachten jüdischen Finanzreformer Joseph Süß Oppenheimer, nach dem mittlerweile sogar ein öffentlicher Platz benannt wurde.

“Ich kannte die Taro vorher nicht.” Wie Klasen geht es vielen. Dabei war die Kriegsfotografin, 1910 als Jüdin in Stuttgart geboren, in den 30er-Jahren eine extravagante Ikone, die sich auch mal frisiert und mit Stöckelschuhen in den Schützengraben wagte. Ihr Lebensweg führte sie von der Alexanderstraße über linke Zirkel zu illegalen Flugblattaktionen gegen die Nationalsozialisten bis ins Exil nach Paris. Dort traf sie André Friedmann, der später als Robert Capa berühmt wurde. Beide waren Vertriebene, sie verband die Leidenschaft für Fotografie und ihr Mut.

“Oder besser Wagemut”, ergänzt Irme Scherf. Die Taro-Biografin steuerte am Dienstagabend bei der Denkblattvorstellung ihr Wissen bei. Während andere Frauen die Nischen von der Tier- bis zur Kinderfotografie besetzt hätten, kämpften Taro und Capa ein Jahr lang im Spanischen Bürgerkrieg mit ihrer Waffe – der Kamera. Dass sie damit zu Pionieren der modernen Kriegsfotografie wurden, sei aber auch der Technik zu verdanken, meint Schaber: “Die Idee gab es schon, die nötigen lichtempfindlichen Filme und Kleinbildkameras nicht.” Auch wenn Taro “als Anfängerin gestorben ist” und im Schatten des berühmten Capa stehe, komme ihr Werk auch in Deutschland allmählich ans Licht.

Schaber plant gerade eine Ausstellung mit Taro-Fotos, die im September in New York eröffnet, dann in Spanien, Frankreich und Deutschland zu sehen sein wird. “Vielleicht kommt mit den Bildern auch das Interesse”, hofft die Biografin. Kienzle will die gebürtige Stuttgarterin in ihrer Heimat sehen: “Wenn die Ausstellung nach Deutschland kommt, ist Stuttgart der richtige Platz.”