Stadtspaziergang mit Dorothea Koller: die Leiterin des Ordnungsamts erläutert ihre Vorstellung von einem ordentlichen Stuttgart
Zeitgenossen mit einem besonderen Blick auf Stuttgart führen auf Einladung der Stiftung Geißstraße und der Stuttgarter Zeitung durch die Stadt. Die StZ dokumentiert diese Spaziergänge in einer Serie.
Seit einem Jahr leitet Dorothea Koller das Amt für öffentliche Ordnung, und seitdem sieht sie die Stadt mit anderen Augen. Das werden vermutlich auch die fünfzig Personen tun, denen am Treffpunkt der Tour vom Leiter der Verkehrsüberwachung Joachim Elser die Augen geöffnet werden. Denn wenn zweimal im Monat große Abschleppaktionen in den Brandschutz- und Fußgängerzonen und drum herum durchgeführt werden, ist das keine reine Schikane, sondern eine Sicherheitsmaßnahme. Schließlich hat 1994 in der Geißstraße 7 ein verheerender Brand sieben Menschen das Leben gekostet, weil die Wege zugeparkt waren und die Feuerwehr nicht schnell genug zum Brandherd kam.
Weniger dramatisch ging und geht es am ersten Zwischenstopp der Führung in der Hirschstraße zu. Und doch liegt Ärger in der Luft, weil vom 1. Januar 2009 an in Fußgängerzonen die Warenauslagen bis auf einen Meter vor die Gebäude zurückgedrängt werden sollen. Was für Passanten eine Befreiung ist, bedeutet für die Händler eine Einschränkung. Ein Konfliktfall also, in dem das Amt für öffentliche Ordnung “wie so oft zwischen den Fronten steht”, wie Koller sagt. Ähnliche Fronten tun sich in der Calwer Straße auf, wo Koller “die Nagelprobe” macht. Denn hier sind die Grenzen frisch gezogen, mit ins Pflaster eingelassenen Siegeln, auf denen S für Sommer und W für Winter steht. Durch die Markierungen wird die Außengastronomie in ihre Schranken gewiesen. “Hier stehen sich Augenmaß und Kleingeist gegenüber”, sagt Koller, die großzügig darüber hinwegsieht, dass einige Stuhlreihen ein gutes Stück über die Grenze hinausgehen.

Zu einer “selbstkritischen Betrachtung” kommt es am nächsten Punkt: “Wir haben hier alles – gut gemeint”, was bekanntlich nicht immer gleichzusetzen ist mit gut gemacht. Die Gruppe steht an der Stelle der Theodor-Heuss-Straße, wo vieles zusammenkommt: Fußweg, Radweg, Stellplätze und eine Tiefgaragenzufahrt. Der Versuch, es allen recht zu machen, überfordere die Verkehrsteilnehmer. Vor allem Unfälle mit Radfahrern häuften sich. Generell ist man in der Stadt bemüht, mehr für die Radler zu tun. Jahrelang galt das Dogma, dass nicht in Einbahnstraßen gefahren werden durfte. Inzwischen hat man sogar sogenannte Radfahrschleusen eingerichtet wie vorm Palast der Republik. Ein roter Streifen soll das Abbiegen in die Lautenschlagerstraße entgegen dem Verkehrsfluss erleichtern. Doch die Autofahrer sehen dies eher als “günstigen Parkplatz”, wie Joachim Elser sagt, weil hier nur 10 statt bis zu 35 Euro Buße fällig sind. Allerdings könne ein erhöhtes Gefährdungspotenzial auch höher beanstandet werden. Wieder steht das Amt zwischen den Fronten.
Nachdem die “progressive Regulierung hintereinander liegender Furten”, wie im Amtsdeutsch die Ampelschaltung an der Planie genannt wird, dafür gesorgt hat, dass die Gruppe in zwei Schüben über die Bundesstraße kommt, endet die Führung im Neuen Schloss. In den alten Gesinderäumen im Keller befindet sich seit der Bundesgartenschau 1977 ein Posten des Amts für öffentliche Ordnung. Zwei Dienstgruppen des gemeindlichen Vollzugsdienstes gehen von hier aus mit oder ohne Hund auf Streife durch die Anlagen und Teile der Innenstadt. Eine freiwillige Maßnahme der Stadt übrigens, die immer wieder in der Diskussion sei.
Denn auch hier steht das Amt zwischen den Fronten: den Sparzwängen auf der einen und “Sicherheit verkaufen” auf der anderen Seite, wie der Leiter des städtischen Vollzugsdienstes Hans-Jörg Longin sagt.
Der nächste Stadtspaziergang findet am Samstag, 19. Juli, um 10 Uhr mit Anja Dauschek statt, die seit 2007 den Aufbaustab für das künftige Stadtmuseum im Wilhelmspalais leitet. Die Veranstaltung ist ausverkauft. Informationen finden sich auch im Internet unter www.geissstrasse.de.