Ein Kebabsonett vom Heimatdichter

Stadtspaziergang Timo Brunke verbindet verbalartistisch, was bestens zusammenpasst: Poesie und Stuttgart.

Von Christine Keck

Statt Regenschirm trägt Timo Brunke eine kleine Lautsprecheranlage. Er hat ein grasgrünes Hemd angezogen, das es einfacher macht, ihn zu orten beim Stadtspaziergang der Stiftung Geißstraße und der Stuttgarter Zeitung. „Es ist mir ernst mit dem Heimatdichten”, sagt Brunke am Samstagmorgen zu Beginn der Tour, die etwas zusammenbringt, was selten zusammen zu finden ist: Poesie in der Stadt. Gereimtes von Goethe oder Gernhardt gibt es kostenlos in den Stadtbahnen, die Serie „Lyrik unterwegs” hat in Stuttgart ihre Fans.

Nicht beim Fahren, sondern beim Gehen, Stehen, Benutzen der Rolltreppe trägt Timo Brunke seine Verdichtungen vor, spießt stadtpolitische Streitthemen verbalakrobatisch auf und haut mit Worten drauf. Sein Fundus ist groß. Der Begründer der Stuttgarter Poetry-Slams und StZ-Kolumnist hat eine dicke Mappe unter den Arm geklemmt, die er mehr als ein Dutzend Mal zückt.

Es beginnt mit einer Liebeserklärung vor dem Kaufhaus Breuninger. Sein Objekt der Begierde ist die Shuttlelimousine mit ihrem verführerisch glänzenden Lack. „Dein Türgriff ist die Klinke meiner Lust”, stöhnt Brunke mitten im Samstagmorgeneinkaufsgedränge, und so mancher Passant dreht sich erschrocken um. „Turboisiere mich”, beschwört Brunke seine Angebetete, „zu räkeln in dir ist Heimkehr zur ewigen Spielzeugkindheit.”

Foto: factum/Weise

Immer dem Lautsprecher und dem grünen Hemd nach. Brunke wäre ansonsten leicht zu übersehen. Nicht der Typ Straßenrapper mit Goldkreuz, Tattoo und dicker Lippe, der Silben produziert wie ein Maschinengewehr Schüsse. Der 38-Jährige hat früher Theologie studiert, er trägt Jeans und einen schlichten Ehering. Auf seinem Hals wölbt sich die Hauptschlagader, wenn er sich in Stimmung redet. Dann braucht er einen Schluck Wasser.

Das meiste hat Brunke selbst erlebt. Poesie als Ausfluss des Alltags, des exakten Beobachtens des Banalen. Brunke schaut genau hin, verdaut und spuckt die Begebenheiten im Sprechgesang wieder aus. „Der Ausparker” ist so ein Stück, das sich mitten in der Eberhardstraße zugetragen haben soll. Es handelt von einem Endfünfziger, der alles beherrscht, nur seinen 500er SL metallic nicht. Servolenkung hin, Erfahrung her, der Mann kommt partout nicht aus der Parklücke. Und Brunke hat viel Zeit, um Klischee auf Klischee setzend über dessen Schwabenleben in der Reihenhaussiedlung und den Urlaub in der Toskana zu philosophieren.

Auf dem leeren Wilhelmsplatz lässt Brunke das jährliche Henkersfest sprachlich aufleben und rappt sich durch „wilde Kartoffeln mit Knoblauchsoße, Tacos mit so einer Feuerdip-Chose”. Er hebt die imaginären Bierkrüge, lässt es schäumen und hat die Lacher der 40 Spaziergänger stets auf seiner Seite. Brunkes Texte muss man hören, am besten gesprochen vom Macher selbst. Und noch besser an den Orten, auf die sie sich beziehen.

Das passt: „Imbiss” heißt das vor Senf und scharfer Soße triefende Sonett gleich neben einem Kebabstand. Brunke macht hungrig: „Du stehst zur Mittagszeit, umringt von Leuten/Die eine Essenstheke überwachen/Drin in der City, um sich satt zu machen/Ein Schnellgericht, ein Futter zu erbeuten.”

Die Führung geht weiter mit einem Ständchen an den Dichter auf dem Schillerplatz, einem Abstecher ins Untergeschoss des Kunstmuseums, wo der Poet mit Anhang alles andere als willkommen ist. „Hier können Sie nicht bleiben”, verscheucht der Museumsaufseher die Spazergänger. „Sie müssen Eintritt zahlen, sie müssen die Taschen abgeben.” Brunke rezitiert im Erdgeschoss rasch ein paar Zeilen über Expressionismus, Surrealismus und allerlei andere Ismen.

Der Widerstand stachelt ihn an. In den Königsbau-Passagen stellt sich Brunke dreist den vollbepackten Einkäufern in den Weg. Er zieht her über die gläserne Monotonie der Shoppingmalls, preist den Charme der kleinen Läden, die allmählich aussterben. Kein bisschen erschöpft, führt Brunke über Stuttgart 21 zeternd durch den Schlossgarten über den Charlottenplatz bis zur Hauptstätter Straße. Seine letzten Zeilen sind an Stuttgart gerichtet: „Hej, Schock-Schwere-Not-Stadt der Hügel, du machst mich platt. Bin ich froh, dass das Lied jetzt ein Ende hat.”
KECK

© 2010 Stuttgarter Zeitung