Zahlreiche Großprojekte werden das Stuttgarter Stadtbild in den kommenden Jahren verändern. Stiftung Geißstraße und Stuttgarter Zeitung haben sechs Architekten eingeladen, über ihre Visionen zur Zukunft der Stadt zu sprechen. Die Beiträge der Teilnehmer veröffentlichen wir in loser Folge.
Gesamtvisionen sind altmodisch, die über Jahrhunderte gewachsenen europäischen Städte brauchen keine mehr. Aber ein Gestaltungsbeirat würde Stuttgart guttun.
Visionen – nach fast vierzig Jahren Abstinenz sind sie wieder en vogue. Willy Brandt hatte sie noch, für Helmut Schmidt waren sie bereits eine Krankheit, mit der man zum Arzt müsse. Vordenker wurden oft als weltfremde Spinner belächelt, Börsenkurse und Wahlbarometer waren wichtiger. Vorrangig war der Aufbau des Wohlstands auf der Basis einer wachstumsorientierten Wirtschaftspolitik. Der Paradigmenwechsel von der Ökonomie zur Ökologie kam ganz allmählich, beschleunigt durch das stärkste Element, das Menschen zum Handeln antreibt, die Angst. Es ist fünf vor zwölf – seit dreißig Jahren.
Nachdenken ist notwendig, Querdenken wieder erlaubt, ja, sogar gewünscht und gefordert. Doch was steckt hinter den wieder so oft verwendeten Begriffen Vision, Utopie, Fiktion? Mit welchen Inhalten sind sie gefüllt? Wie viel Konkretisierung halten sie aus? Als planende Architekten sind wir gewohnt, vorauszudenken und künftige Realitäten in unserer Vorstellung entstehen zu lassen. Wir müssen vorpreschen und stehen damit in der Kritik derer, die das nicht gewohnt sind. Heftige Gegenreaktionen sind die natürliche Quittung für den Mut der Planer.
Schon vor Jahren habe ich ein Credo unserer planerischen Haltung formuliert, nachzulesen auf unserer Website. Es endet mit dem Satz: Träume, Illusionen und Utopien sind der Antrieb unserer Arbeit – ebenso wie der unbedingte Wille zur Realisierung! Und neben meinem Arbeitstisch im Büro hängt das auch noch mal handschriftlich, so als könne man es nicht oft genug wiederholen. Damit ist der Bogen weit gespannt – und die „Wahrheit” liegt wohl wie immer zwischen den beiden Polen. Aber ohne die Pole gäbe es keine Spannung, keine Kreativität – Visionen kämen über das diffuse Stadium der Hoffnung nicht hinaus.
Jedes Mal wenn ich von einer Reise zurückkomme, frage ich mich unwillkürlich, warum ausgerechnet hierhin, warum Stuttgart? Mag sein, dass man sich das bei anderen Städten auch fragen würde, aber was zeichnet Stuttgart eigentlich aus – als Großstadt, als Metropole? Es gibt fast keine schönen Plätze, keine monumentalen Achsen, keine Alleen und Boulevards, keine richtige Altstadt, keine Hochhäuser, keine Waterfront, keine Squatter-Siedlungen, kein Elend – und keinen Glamour.
Es prägt sich nichts ein. Alles, was eine Stadt zur Metropole macht, kommt hier nicht vor. Großzügigkeit, ja Grandezza findet man hier nicht. Dennoch haben offenbar einige amerikanische und japanische Reiseveranstalter Stuttgart in ihrem Europa-Schnellprogramm. Vielleicht weil es auf halber Strecke zwischen Oslo und Rom liegt, das Flugzeug mal wieder aufgetankt werden muss und es immer freie Hotelbetten gibt. Stuttgart ist keine wirkliche Touristenattraktion, und die Eisbahn auf dem noch sommerlichen Schlossplatz mit ihren muffigen Fressbuden vertreibt auch noch den letzten Tagestouristen auf der Suche nach Kultur.
Kultur? Der Kulturbegriff ist mittlerweile so ausgedehnt worden, dass er dabei ist, sein positives Image zu verlieren: Spaßkultur, Eventkultur – solche Kultur soll die Innenstädte auf Trab bringen. Der öffentliche Raum gilt als urban, wenn er rappelvoll ist und mit mindestens 120 Dezibel beschallt wird. Was in Berlin oder München vielleicht geht, lässt sich auf Stuttgart nicht übertragen. Aufgrund der Kessellage ist hier der Luftraum über der Stadt ein öffentlicherer Raum als anderswo. Er wirkt – optisch und akustisch – wie eine Arena, nur dass hier eben Menschen leben.
Echte Urbanität braucht die Menschen, die in der Stadt wohnen, die den öffentlichen Raum nachhaltig nutzen, weniger die, die aus dem Umland kommen, hier mal kurz Party machen und eine Müllwüste hinterlassen. In meinem Stuttgart gäbe es auch öffentliche Räume, die man still genießen kann und die dennoch mitten in der Stadt liegen und wo spielende Kinder die akustische Skala bestimmen. Mein Stuttgart verträgt auch Kontraste: Kirchturmglocken, die im Schatten von Hochhäusern läuten, Minarette am Schlossgarten, Schwimmbäder im zwanzigsten Stock und unterirdische Shoppingcenter. Dort unten könnten sie den Maßstab der Stadt nicht zerstören wie bei den Königsbau-Passagen bereits geschehen und bei der Galeria Ventuno bereits beschlossen.
Es lässt sich weder leugnen noch verhindern, dass der Kommerz das Bild der Stadt bestimmt. Bahnhöfe, Tankstellen und Museen sind schon längst zu Kaufhäusern geworden, neuerdings auch Ministerien. Alles wird von Investoren realisiert, den öffentlichen Bauherrn gibt es nicht mehr. Die Stadt überlässt die Gestaltung des öffentlichen Raumes zunehmend dem Geldmarkt. Wer Geld von der Bank kriegt, darf ein Filetgrundstück bebauen. Die Stadt meint, sich aus der Verantwortung ziehen zu können, wenn sie durch Investoren Architektenwettbewerbe ausschreibt, die diese zähneknirschend akzeptieren, aber eigentlich nur als unnötigen Kostenfaktor sehen. Sobald der Sieger feststeht, wird auf allen Seiten gejubelt. Kurz danach wird der Architekt durch die Hintertür entsorgt.
Foto: Achim Zweygarth

Die Staffeln in Stuttgart sind ein Kulturgut ersten Ranges.
So allmählich wird es wohl offenbar: mit Stuttgart verbindet mich eine Hassliebe – und so was hält ja bekanntlich ziemlich lang. Seit 36 Jahren mache ich hier meine Stadtspaziergänge, am liebsten allein und ohne Fotoapparat. Ich gehe bevorzugt Nebenwege, nicht die ausgetretenen Pfade. Wenn man entlang dem vielfach gewundenen Hangfuß pirscht, mal etwas hoch und wieder runter, entdeckt man die Stadt. Auch nach Jahren gibt es immer neue Ecken von Stuttgart zu erkunden. Das ist nicht aufregend, es ist ein eigentümliches Erlebnis, das fast immer vom Wechselspiel aus Stadt und Landschaft geprägt ist. Für mich ist das wie ein nie fertiges Puzzle.
Natürlich ist die topografische Lage Stuttgarts im Talkessel einzigartig und spektakulär und damit das größte Potenzial für ein positives Image der Stadt. Aber für mich als Bewohner dieser Stadt ist es eher die Summe dieser vielen Einzelsituationen am Rand des Kessels, die verantwortlich ist für das atemberaubende Gesamtbild einer durchgrünten Stadtarena.
Der Slogan „Großstadt zwischen Wald und Reben” trifft den Charakter Stuttgarts auf den Punkt. Er trifft aber auch den Kern des Urbanitätsproblems, das Stuttgart zweifellos hat. Auf der einen Seite ist er auf charmante Weise nachvollziehbar, wenn der Blick über den Talkessel schweift; auf der anderen Seite ist das Verhältnis von Grün und Stadt nicht geklärt. Das Grün ist weder urban noch natürlich. Bebauung und Grün sind wie in einer zänkischen Ehe vereint. Psychologen würden hier getrennte Schlafzimmer verordnen, damit jeder wieder er selbst sein kann.
An vielen Stellen der Stadt ist eine klarere Trennung von Bebauung und Grün notwendig, um Urbanität zu erreichen. Unklare Übergänge, ausgefranste Ränder, verkrautete Zwischenräume sind die natürlichen Feinde der Urbanität, etwa in der Jägerstraße bei der IHK.
Ich brauche keine Gesamtvision einer Stadt des 22. Jahrhunderts. Die über Jahrhunderte gewachsenen europäischen Städte brauchen das nicht. Sie haben ihr eigenes Tempo, einige werden weiter wachsen, viele werden schrumpfen. Die planerischen Herausforderungen liegen künftig eher in der Nutzung der Altbausubstanz als bei Neubauten. Die energetische Sanierung vorhandener und auch denkmalgeschützter Bausubstanz ist eine unserer großen Zukunftsaufgaben.
Ein wichtiges Thema ist für mich der Maßstab einer Stadt. Jede Stadt hat ihren eigenen Maßstab. Er entsteht durch topografische Gegebenheiten und Wegebeziehungen, also den Verkehr. Daraus entsteht das Barometer der Dichte einer Stadt. Das Zusammenspiel dieser beiden Parameter – Topografie und Verkehr – spielt in Stuttgart eine außergewöhnliche Rolle. Die Dichte entsteht allein dadurch, dass sich im Talkessel nichts flächig ausbreiten kann. Sie äußert sich in Kompaktheit einerseits, wie zum Beispiel im Stuttgarter Westen, und in der Höhe der Gebäude andererseits.
Hochhäuser sind ein Reizthema, das in Stuttgart seit Jahrzehnten verkrampft diskutiert wird. Man sieht das einigen Häusern an, die gern höher wären. Zumindest im Talkessel sind Hochhäuser für viele grundsätzlich tabu. Ich finde, dass man das etwas geschmeidiger sehen sollte, auch vonseiten der Stadtplanung. Rathausturm, Tagblattturm und diverse andere Türme zeigen, dass in der Mitte des Talkessels eine dreidimensionale Verdichtung der City von hohem Reiz sein könnte.
Eine konzentrierte Gruppe von schlanken Türmen könnte die Mitte der Stadt betonen. Ein von weitem erkennbares dreidimensionales Stadtzentrum mit einem vorgegebenen Mindestabstand zum Hangfuß könnte eine stadtbildprägende Bereicherung sein. Ebenso kann ich mir einzelne Hochhäuser oder Gruppen von Hochhäusern am oberen Rand des Kessels vorstellen, also in Höhenlage, wenn genügend Abstand zum Fernsehturm eingehalten wird und das natürliche Auf und Ab des oberen Kesselrandes nicht nivelliert wird.
Der Hangfuß und die Hanglagen müssen frei bleiben von hoher und großmaßstäblicher Bebauung. Die Frischluftschneisen müssen auf jeden Fall freigehalten und verstärkt werden. Die steinerne Stadt ist nicht die einzige Ausdrucksform von Urbanität. Trennende Verkehrsschneisen – ob Straße oder Bahn – liegen in meinen Visionen von Stuttgart unterirdisch.
Aufgrund der klimatischen Situation sollten mehrere größere Wasserflächen im Talgrund geschaffen werden. Neben der Verdunstungskühle bringt das auch Atmosphäre und Aufenthaltsqualität. Ich mag zum Beispiel die Situation am Feuersee. Solche skurrilen Besonderheiten sollte sich die Stadt an mehreren Stellen leisten. Dass die geplante Wasserfläche rund um die neue Stadtbücherei am Pariser Platz nicht realisiert wird, finde ich kleingeistig und ignorant. So kommt niemals Grandezza auf. Die Wasserfläche ist unabdingbar für den Baukörper und seine Ausstrahlung auf das städtische Umfeld, und von dem wird hier nicht viel zu erwarten sein. Hier entsteht ein uninspiriertes Allerweltsquartier, ein Jahrhundertfressen für Investoren. Verpufftes Potenzial.
Wo liegen die Zukunftspotenziale für die Stadt? Für mich liegen sie nach wie vor in der Topografie – in der Art und Weise, wie man Bebauung und Geländeform so zusammenbringt, dass Urbanität entsteht. James Stirling hat das mit der Ausbildung des Hangfußes an der Kulturmeile beispielhaft vorexerziert. Das Geländegefälle wird in urban wirkende Architekturelemente transformiert, Sockel, Rampe, Achse etc. Das angehobene Fußgängerniveau funktioniert als Flaniermeile.
Stuttgart braucht den Blick von außen. In meinem Stuttgart gäbe es einen Gestaltungs- und Städtebaubeirat, der mehrheitlich von auswärtigen Fachleuten besetzt ist, diese könnten ja von hiesigen Architekten gewählt werden.
Stirling hat auch das Thema der Stuttgarter Staffeln aufgenommen und auf sehr urbane Weise weiterinterpretiert. Und da sind wir doch noch bei einem Stück alter Stuttgarter Grandezza angekommen: die Stäffele, ein Kulturgut ersten Ranges. Ich laufe täglich mehrfach die Sünderstaffel – hier ist für mich die ideale Verbindung von Stadt und Landschaft direkt spürbar, nicht nur in den Waden.
Mein zukünftiges Stuttgart besteht aus vielen kleinen und alltäglichen Visionen – den richtigen Gedanken im passenden Augenblick. Es sind die eher unscheinbaren Maßnahmen, die effektiv wie die Nadelstiche der Akupunktur das gesamte Nervensystem der Stadt lahmlegen oder stimulieren können.

Autor
Tobias Wulf ist gebürtiger Frankfurter. Studiert hat er jedoch an der Universität Stuttgart, dann bei verschiedenen namhaften Architekten in Deutschland gearbeitet und 1987 mit Kai Bierich und Alexander Vohl sein eigenes Büro in Stuttgart gegründet. Seit 1991 ist er Professor an der Hochschule für Technik in Stuttgart, Fachgebiet Baukonstruktion und Entwerfen.
Bauten
Das bekannteste Bauwerk des Büros Wulf und Partner ist die neue Stuttgarter Messe. Daneben haben die Architekten zahlreiche Schulen, Kindergärten und Altenheime geplant, darunter das Augustinum Killesberg. say
Bisher erschienen Franz Pesch (1. 12.),
Arno Lederer (6. 12.), Stefan Behnisch (8. 12.),
Jörg Aldinger (13. 12.)
SAYAH
© 2010 Stuttgarter Zeitung