Die Akademierektorin öffnet die Türen

Von Christine Bilger

Petra von Olschowski zeigt, wo die Kunst ihre Orte in Stuttgart gefunden hat.

Ganz am Schluss der großen Runde durch die Kunstwelt der Stadt hat Petra von Olschowski verraten, dass es manchmal die kleinen Dinge sind, die die besten Einblicke gewähren. In der Galerie Schlichtenmaier am kleinen Schlossplatz erzählte die Rektorin der Kunstakademie, dass es für sie die Zeichnungen sind und nicht pompöse Malerei, worin sie sehe, wie ein Künstler arbeitet und wie ein Professor sein Können vermittelt. Damit lenkte sie zum Abschluss des Stadtspaziergangs in der gemeinsamen Reihe der Stiftung Geißstraße und der Stuttgarter Zeitung den Blick auf die feinen Details in der Schau der Galerie zum 250-Jahr-Jubiläum der Akademie. Schlichtenmaier zeigt zu diesem Anlass Werke von Willi Baumeister, Adolf Hölzel und Otto Baum – drei für die Geschichte der Hochschule bedeutende Meister. Und das nur wenige Meter Luftlinie entfernt vom Neuen Schloss, wo Herzog Carl Eugen vor zweieinhalb Jahrhunderten die Académie des Arts ins Leben gerufen hatte.

Am Ende des Spaziergangs stand also der Anfang der Akademie. Gestartet war die Kunstexpertin mit ihrem Publikum aber in der Gegenwart. Der erste Gang am Samstagmorgen führte vom Start in der Geißstraße in die Christophstraße. Hier zeigte Petra von Olschowski die Galerien Sturm und Müller-Roth, die über einem Fitnessstudio ihre Räume haben. Zu sehen waren dort Arbeiten von Studierenden, Professoren, Absolventen und Werkstattlehrern. „Das ist das ganze Spektrum, das die Kunstakademie zu bieten hat”, sagte deren Rektorin.

Typisch für die Stuttgarter Hochschule seien Professoren wie Reto Boller, der zurzeit in der Christophstraße auch vertreten ist. Er arbeitet in Stuttgart, lebt aber in der Schweiz. Dieses Pendlerdasein habe Vor- und Nachteile. „Leider prägen die Lehrer so das Leben in Stuttgart nicht auch am Wochenende, außerhalb ihrer Arbeitstage”, sagte Petra von Olschowski. Die zeitweise Abwesenheit führe jedoch dazu, „dass immer neue Impulse von außen kommen, und das ist viel besser als das ewige Schmelzen in ein und demselben Tiegel”.


Zu Petra von Olschowskis persönlicher Sicht ihrer Heimatstadt gehört es beim Spaziergang dazu, einen Blick in Galerien zu werfen. Foto von: Horst Rudel

Die Arbeiten der Studierenden nahm ihre Rektorin zum Anlass, über die Perspektiven und Arbeitsbedingungen junger Künstler zu sprechen. Es sei schade, dass die Mietpreise in Stuttgart so hoch sind, dass kaum ein Künstler hier sein Atelier habe. In Fellbach entstehe bald ein Atelierhaus, das ähnlich wie die Ludwigsburger Kaserne Arbeitsräume biete. „Ich verkrafte es, wenn sie nach Berlin gehen. Aber nach Fellbach?” Glücklich ist Petra von Olschowski über diese Entwicklung nicht, sie würde die Künstler lieber in Stuttgart arbeiten sehen. Das sei direkt um die Ecke in den achtziger Jahren noch so gewesen. Im Gerberviertel habe es vor gut 30 Jahren noch zahlreiche Ateliers gegeben, als es noch ein abbruchreifes Viertel war. Das Quartier ist gerettet, die Künstler sind gegangen. Geblieben ist die Erinnerung an einen Künstler, der seine Karriere an der Kunstgewerbeschule in Stuttgart begann, Oskar Schlemmer. An seinem Geburtshaus ist eine Tafel zur Erinnerung angebracht.

Die Kunstgewerbeschule und die Akademie wurden im Jahr 1941 vereint, „ausgerechnet von den Nazis”, erzählte Petra von Olschowski. Mit Leben gefüllt habe sich diese neue Form der Kunstakademie aber erst nach dem Zweiten Weltkrieg, „davor war es nur eine formale Reorganisation”.

Die Wurzeln in der Kunstgewerbeschule, in deren Gebäude junge Künstler heute auf dem Killesberg lernen, sei ein Grund für die Bedeutung der 30 Werkstätten, die für die 900 Studierenden, 48 Professoren und die Werkstattlehrer bestehen. Die Bestrebungen, beide Schulen zusammenzuführen, habe es bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts gegeben, als Oskar Schlemmer lernte.

Beim nächsten Stopp nahmen Petra von Olschowski und der Hausherr der spazierenden Gruppe eine Schwellenangst. In der Eberhardstraße stand ein Besuch in der Galerie Andreas Henn an, der zurzeit Werke der Künstlerin Sara F. Levin präsentiert – einer Absolventin der Stuttgarter Akademie, die in Ludwigsburg lebt. „Kommen Sie einfach mal rein, Sie müssen auch nichts kaufen”, sagte Henn. Seine Arbeit und seine Leidenschaft seien schließlich nicht nur der Kunsthandel, sondern auch die Ausstellungen in seinen Räumen.

Und noch eine Einladung gab es zum Abschluss von Petra von Olschowski. Zwar habe die Kunst mit dem Kunstmuseum am Schlossplatz einen Ort inmitten der Stadt gefunden, „aber kommen Sie doch auch mal zu uns auf den Killesberg. Wenn man in Stuttgart auf einem Hügel ist, genießt man schon nicht mehr die volle Aufmerksamkeit”, sagte die Rektorin und hoffte, das mit ihrer Einladung ändern zu können.

© 2011 Stuttgarter Zeitung