Der lange und steinige Weg zum neuen Stadtmuseum

Die Koordinatorin Anja Dauschek ringt um ein Konzept für das Wilhelmspalais und will im Herbst die Bürger befragen

Zeitgenossen mit einem besonderen Blick auf Stuttgart führen auf Einladung der Stiftung Geißstraße und der Stuttgarter Zeitung durch die Stadt. Die StZ dokumentiert diese Spaziergänge in einer Serie. Am Samstag führte Anja Dauschek vom Aufbaustab für das Stadtmuseum.

Von Thomas Borgmann

Die Zeit scheint noch lang und ist doch so kurz, das Interesse scheint bescheiden und ist doch so stark. 2009 wird mit dem Bau der Bibliothek 21 hinterm Bahnhof begonnen, und wenn sie 2011 fertig ist, verlässt die Stadtbücherei das Wilhelmspalais am Charlottenplatz. Dort wiederum wird dann kräftig umgebaut, damit Ende 2012 das Stadtmuseum eröffnet werden kann – das erste übrigens in der Geschichte Stuttgarts, das diesen Namen überhaupt verdient. Die Volkskundlerin Anja Dauschek leitet seit 2007 den Aufbaustab für dieses Museum. Sie und ihre fünf Kollegen – dazu eine Reihe von freien Mitarbeitern – sollen es richten. Beim StadtSpaziergang am Samstag hat sie sich erstmals ein wenig in die Karten schauen lassen.

Mein Stuttgart – das ist für Anja Dauschek, die aus Kirchheim/Teck stammt, zunächst einmal das Wilhelmspalais, um das all ihre beruflichen Gedanken kreisen. Also führt sie die zwei Dutzend neugieriger Freunde der Stadtgeschichte, darunter sogar Gäste aus Esslingen, von der Geißstraße dorthin – über die Königstraße und die Schulstraße, den Marktplatz, den Schillerplatz, den Karlsplatz und den Akademiegarten. Sie berichtet dabei über das einstige Reisebüro Rominger, hält demonstrativ eine echte Zündkerze aus dem Hause Bosch in die Höhe, verweist auf das verwunschene Bunkerhotel unter dem Marktplatz und sagt vor den Mauern des Alten Schlosses: “Das Württembergische Landesmuseum besitzt zwei Millionen Exponate – wir besitzen nur 2500.” Unausgesprochen folgt daraus die zentrale Frage: Wie lässt sich aus so wenig Substanz ein respektables Museum einrichten?

Was Anja Dauschek an diesem sonnigen Samstag beim Gang durch die Stadt an historischem zu berichten hat, nehmen die Spaziergänger mit Interesse zur Kenntnis. Weitaus wichtiger aber sind ihre Gedanken und Ideen zum künftigen Stadtmuseum: “Es soll ein Haus der Geschichte, der Gegenwart und vor allem der Zukunft sein”, sagt sie. Und sie sagt auch: “Wir wollen die Geschichte der Menschen darstellen, nicht die Geschichte der Häuser. Es soll im Wilhelmspalais um Ihr Stuttgart gehen.” Deshalb wird der Aufbaustab, unterstützt von der Universität Tübingen, im kommenden Herbst die Bürger fragen: Skizzieren Sie uns Ihr Stuttgart, sagen Sie uns, woran Sie denken, wenn Sie das Stichwort “Mein Stuttgart” hören.

Nach dem samstäglichen Rundgang äußern sich einige der Mitgängerinnen spontan zu dieser Frage. Sie verweisen auf ihre familiären Wurzeln in der Stadt, auf ihre Liebe zu Galerien und Museen, auf die lebendige Ära des Theaters unter der Ägide des aufmüpfigen Claus Peymann, auf die dramatischen Zeiten der RAF und den “Deutschen Herbst” von 1977. Dabei erhält Stuttgart das neue Etikett “Die Stadt der absurdesten Radwege”, und dass es hier viel zu viele Autos gibt, die von oben aussehen wie Kakerlaken. Und eine Dame, die erst seit acht Jahren hier lebt, bekennt frank und frei: “Ich hätte vorher nie gedacht, dass Stuttgart so nett sein kann.” Ein schönes Kompliment – hoffentlich ändert diese Bürgerin ihre Meinung nicht, wenn diese nette Stadt in den nächsten Jahren zu einer riesigen Baustelle wird.

Und wo bleibt das Konzept für das Stadtmuseum? Mit Geschick drückt sich Anja Dauschek um die konkrete Antwort, auf die man sie fürderhin festnageln könnte. Stattdessen trifft sie einige interessante Ankündigungen: Ein neues Konzept für das Hegelhaus an der Ecke Tor- und Eberhardstraße ist in Arbeit; damit möchte sie der Tatsache Rechnung tragen, “dass wir dort vierzig Prozent ausländische Besucher haben”. Wahr ist in der Tat, dass der Philosoph Hegel, obschon der größte Sohn Stuttgarts, im Stadtbewusstsein nicht fest verankert ist. Selbst Manfred Rommel, der ihn oft und gerne zitiert, hat das nicht vermocht. Vielleicht schafft ja das neue Konzept einige Fortschritte.

Anja Dauschek will überhaupt die kleinen Museen stärken und damit das Dezentrale: Das Lapidarium an der Mörikestraße, das Stadtmuseum in Cannstatt, das im November, neu gestaltet, eröffnet wird, auch die kleine Außenstelle in Plieningen, wo die Bürger ihre Ortsgeschichte wiederfinden sollen. Mein Plieningen sozusagen und mein Bad Cannstatt. Das große, augenfällige “Mein Stuttgart” braucht indessen wohl noch seine Zeit. Da zeigt sich, wie schwer es ist, am Beginn des 21. Jahrhunderts ein lebendiges Museum aufzubauen, das wenigstens 800 Jahre Stadtgeschichte verständlich aufzeigt. Kein leichter Job für Anja Dauschek.

Damit endet die inzwischen schon dritte Staffel der Stadtspaziergänge, die die Stiftung Geißstraße und die Stuttgarter Zeitung im Spätsommer und im Herbst fortsetzen werden. Die genauen Termine werden rechtzeitig angekündigt. Informationen finden sich auch im Internet unter www.geissstrasse.de.

WOERNER
© 2006 Stuttgarter Zeitung