Stuttgart ist die einzige Stadt, die „Hans im Glück” mit einem Denkmal ehrt. So wie dort das Wasser sprudelt, so sprudeln auch die Gedanken eines überzeugten Stadtmenschen.
Die Frage nach dem Glück kann man sehr unterschiedlich beantworten. Auf Einladung der Stuttgarter Zeitung und der Stiftung Geißstraße 7 haben sich sieben Autoren auf die Suche nach ihrem persönlichen Glück gemacht. Was dabei herausgekommen ist, dokumentieren wir in lockerer Folge.
Heute: der Beitrag des Schriftstellers Peter O. Chotjewitz.
Tu felix Stuttgart!
Deine milden Hügel, leuchtenden Hänge, duftenden Gärten und Parks!
Deine prachtvollen Boulevards, verwunschenen Staffeln, einladenden Plätze, lauschigen Winkel.
Deine Paläste, Kathedralen, Burgen und Schlösser.
Deine bunten Märkte, quirligen Basare, exquisiten Geschäfte, fliegenden Händler.
Deine trauten Herbergen, heimeligen Schenken, Gourmettempel, Grand Hotels.
Deine sympathischen Einwohner, hilfreichen Polizisten, weitsichtigen Wirtschaftsführer, umsichtigen Staatslenker.
Deine Museen, Galerien, Konzertsäle, Sportplätze.
Schönheiten, Zelebritäten, Fußballspieler und Porschefahrer.
Kunstsammler, Hochschulräte, Oberkellner, Taxifahrer.
Millionäre, Spekulanten, Immobilienhaie, Dukatenscheißer.
Du glückliches Stuttgart!
Welch ein Glück, in dir zu leben!
Um es vorweg zu sagen: Ich lebe gerne in Stuttgart. Die Stadt bietet, was ich brauche. Eine ordentliche Bibliothek, Musik, Kinos, Theater, Politiker, über die ich mich ärgern kann, eine Menge Leute, die ich nicht mag, also immer Abwechslung und Ablenkung. Ich habe meine Stammkneipen, das griechische Restaurant „Odyssia” im Bohnenviertel, die einstige 68er-Weinstube Widmer im Rotlichtviertel, das uns hoffentlich noch lange erhalten bleibt (einen Ort ohne Puffs und Nutten nennt man Dorf), Attilas Szenekneipe am Wilhelmsplatz, das „Café Weiß” am Hans-im-Glück-Brunnen.
“So glücklich wie ich, rief er aus, gibt es keinen Menschen unter der Sonne”, sagt Hans im Glück bei den Brüdern Grimm. Das gibt Peter O. Chotjewitz einiges zu denken. Foto: STZ
Mein Glück ist epikureisch: Zufriedenheit, Wohlbefinden und Abwesenheit von Ärger und Schmerz. Der Hans-im-Glück-Brunnen erweitert mein Glück in einer Weise, die an Aristoteles erinnert. Aristoteles soll, soweit ich mich erinnere, das Glück in einem Leben erkannt haben, das dem Forschen und Denken gewidmet ist. In diesem Sinne trägt der Brunnen zu meinem Glück in Stuttgart bei, denn nur hier wird, soweit ich weiß, ans Märchen von „Hans im Glück” mit einem Denkmal erinnert.
Es ist ein schönes Märchen, schöner als der Brunnen, der nicht scheußlicher ist als städtebaulicher Zierrat in anderen Städten. Ich brauche es nicht nachzuerzählen, muss nur die letzten zwei Sätze zitieren: „So glücklich wie ich, rief er aus, gibt es keinen Menschen unter der Sonne. Mit leichtem Herzen und frei von aller Last sprang er nun fort, bis er daheim bei seiner Mutter war.” Da muss sich nicht nur der Schwabe fragen: Ja, wovon will er in Zukunft leben? Will er seiner armen Mutter auf der Tasche liegen? Oder hofft er, mit Hartz IV rumzukommen? Will er klauen, einen Investmentfonds gründen und anderer Leute Geld, das sie andern Leuten abgeluchst haben, verprassen?
Das Märchen lässt zwei Interpretationen zu, eine sozialpolitische und philosophische. Wie man weiß, nahmen die in Kassel lebenden Brüder Grimm das Märchen erst 1819 in die zweite Auflage der ersten beiden Bände ihrer berühmten Sammlung auf. Kassel entwickelte sich damals rasant zu einer modernen Industriestadt und zog mit seinen Fabriken, unter anderem Guss und Metallverarbeitung, Firma Henschel, die arme Landbevölkerung an. Ob die Erzählung vor der Landflucht warnen wollte, wissen wir nicht.
Foto: Ullstein
Vor diesem sozialpolitischen Hintergrund könnte man die Pointe der Geschichte deuten: Das Märchen mahnt den kleinen Hans, Verzicht zu üben. Wir sollen dem reichen Mann seine Yacht und seine Villa gönnen. Der Verdacht wird gestützt durch die Tatsache, dass der Stuttgarter Brunnen vor hundert Jahren, als die Lage der arbeitenden Klassen prekärer war als gegenwärtig, von einem „Verein der arbeitenden Klassen’ gestiftet wurde.
Im Licht der philosophischen Ahnen des Märchens erscheint die Pointe allerdings weniger tendenziös. Wir denken an Epikur, mit seiner vielköpfigen Kommune, in die auch Frauen und Sklaven aufgenommen wurden, wir denken an das Dogma bewusster Armut. Und auch die kynische Lehre von der Umwertung der herrschenden Werte verleiht dem Märchen den Nimbus philosophischer Weisheit: Diogenes in der Tonne, die auf dem Marktplatz stand, wie tausend andere, die mit Hülsenfrüchten und Oliven gefüllt waren, ist der Guru der Philosophie des Glücks, nur das Lebensnotwendige zu besitzen. Mich machen beide Interpretationen nicht glücklich – und das gilt nun auch für den Protagonisten des Märchens.
Unser Hans ist ein Einfaltspinsel. Niedriger IQ, vermutlich milieugeschädigt. Einer von der Sorte, die Verträge unterschreibt, aber nicht lesen kann, teure Dinge verschenkt und sich dafür nutzloses Zeug einhandelt. Stets sind es andere, Marketing-Spezialisten, die seine albernen Wünsche erahnen, ihn belügen und betrügen. Hans ist der geborene Underdog. Besagt das Märchen vielleicht, nur der Blöde sei fähig zum Glück? Selig sind, die da geistig arm sind? Alle behaupten heute, nur Bildung und Weiterbildung seien der Schlüssel zu einem akzeptablen Einkommen – und da steht in Stuttgart ein Denkmal für einen Deppen, der glaubt, er könnte arm an Geist und Beutel glücklich sein.
Das Märchen von Hans im Glück setzt eine Utopie voraus. Es verweist auf jene ferne Zukunft, in der Geld und Tauschhandel abgeschafft sein werden. Da wir wissen, dass dies eine kommunistische Utopie ist, dürfen wir davon ausgehen, dass die Zukunft nie erreicht werden wird, am wenigsten in Stuttgart. Der Brunnen ist dennoch ein Denkmal in dem Sinne, dass er einem zu denken gibt. Man sagt ja: „Denken ist Glücksache.” Will sagen: Um zu denken, muss man Glück haben. Wenn man kein Glück hat, nutzt die Denkerei gar nichts.
Was konstituiert unser Sein am stärksten, stärker als der Sexualtrieb? Das Geld. Das Glück, das unser Denken zum Erfolg führt, verweist uns auf den kurzen Holzweg zwischen Glück und Geld. Ich habe Wörter mit Glück notiert, die das Verhältnis widerspiegeln: Glückspfennig, Glücksfee, Glücksspiel, Glückslos, Glücksschwein. Was fällt auf? Alle diese Wörter stellen eine Beziehung her zwischen Glück und materiellem Gewinn in Form von Geld. Wenn ein Glückspfennig drinliegt, ist die Geldbörse niemals leer, der Glückspfennig brütet Geld aus – der Traum aller Spekulanten, Anlageberater und Manager von Private-Equity-Firmen, dass Geld sich naturwüchsig vermehrt, ohne Arbeit und Ausbeutung von Arbeitskraft.
Die Glücksfee ist eine transzendente Fiktion, nicht von dieser Welt, ein Wesen aus dem Jenseits, das über die Menschen Gold und Silber ausschüttet, für das sie nichts zu tun brauchen als zu hoffen und nichts zu sein brauchen als gutgläubig, alles personifiziert im Märchen vom Sterntaler. Wer nicht an das Glück glaubt, wird es nicht erleben. Das Glück ist göttlich, um zu existieren, benötigt es eine Religion, ihre Rituale ähneln denen anderer Religionen, ihr Kultus ist, wie der aller Religionen, karnevalistischer Mumpitz.
Glücksspiel, Glückslos, Glücksschwein sind Parallelerscheinungen der Glücksfee und des Glückspfennigs. Wieder kommt der Reichtum von selber, wie der Segen Gottes, man muss nur daran glauben und ins Spielkasino gehen wie in die Kirche. Oder in die Lottostelle, um dort zu beichten, mit welchen Glückszahlen man Glück zu haben hofft. Oder in die Sparkasse, die nichts weiter ist als ein kollektives Sparschwein, nur nicht ganz so sicher, was uns daran erinnert, dass die Tempel im alten Rom Orte waren, wo man sein Geld deponierte, also Banken, die auch Geld verliehen.
Das erste Versprechen der Metaphern Glücksspiel, Glückslos, Glücksschwein lautet, man müsse, um Glück zu haben, nur den gesellschaftlich sanktionierten Spielregeln folgen. Arbeit lohnt sich nicht, Arbeit macht nicht glücklich, wer arbeitet ist dumm. Die zweite Regel: nur wenige können groß gewinnen. Ein paar können ein bisschen was gewinnen, die große Masse geht leer aus. Was die Gewinner gewinnen, verlieren Leute wie unser Hans im Glück. Zu den Gewinnern gehören die Banker, die das Spiel veranstalten, auf das die Dummen hereinfallen. Die Verlierer sind viele.
Geld ist nicht nur ein Mittel, zwei Waren gegeneinander auszutauschen, ein Paar Schuhe gegen den Verkauf von ein paar Stunden Arbeitskraft. Geld ist doppeldeutig wie das Glück. Es ist auch eine Ware, die man verkaufen oder kaufen kann. Wer etwas kaufen will, möchte möglichst wenig dafür bezahlen. Wer was zu verkaufen hat, will möglichst viel dabei verdienen. Wer nichts zu verkaufen hat, tut wenigstens so, das heißt, er verkauft Optionen auf etwas, das es nicht gibt, und verkauft sie rechtzeitig weiter oder versäumt den richtigen Augenblick. Einer ist immer der Dumme. Sein Name sei Wiedeking.
Was eine Sache kosten dürfte, darüber hat sich schon Thomas von Aquin Gedanken gemacht, glaube ich jedenfalls. Die Frage, woran sich der Preis zu orientieren habe, ist religiös, also irreal, so wie das scheußliche Wort „Realwirtschaft’. In der DDR kostete eine Mietwohnung so wenig, dass der Hauseigentümer nicht die Fassade ausbessern konnte, in der BRD so viel, dass der Hauseigentümer nicht zu arbeiten braucht. Der Preis, den eine Sache am Markt erzielt, ist die einzige Realität – und die ist irreal. Man sollte den Wörtern auf den Grund gehen, nicht auf den Leim. Das Wort „soziale Marktwirtschaft” war stets ein Etikettenschwindel, das Anhängsel „sozial” immer Augenwischerei, ein Schleifchen, die Verpackung. Die Erfindung des Glücks als Konnotation des Erwerbsstrebens war erforderlich, als die Marktwirtschaft zu blühen begann, als der Handel von den Produzenten abgetrennt wurde, als Waren und Gefühle käuflich und verkäuflich wurden. Davor wurde geraubt und vergewaltigt. So gesehen war die Kommerzialisierung des Lebens ein Fortschritt. Seither wird bezahlt für die Liebe.
Die Märkte bildeten sich in den Städten seit dem elften Jahrhundert. Damals galt die Rechtsnorm: „Stadtluft macht frei.” Was sollte das bedeuten? Der leibeigene Landbewohner, dem es gelang, sich in eine Stadt zu retten, konnte nach einem Jahr nicht mehr von seinem Eigentümer zurückgefordert werden, er war keine bewegliche Sache mehr, sondern genoss die paar Freiheiten, die ein Stadtbewohner genoss. Verständlich, dass die Leute ihr Glück in der Stadt suchten. Freiheit und Glück sind seither verschwistert.
Aristoteles assoziierte Glück mit Freiheit. In einer Gesellschaft, wo es auf dem Land kaum Freiheiten gab, wenn man nicht zur feudalen Herrscherschicht gehörte, musste deshalb die Stadt als Ort des Glücks erscheinen. Sein Glück in der Stadt suchen, ist ein Traum, der heute die Megastädte der dritten Welt anschwellen lässt. Ohne Landflucht wäre die Industrialisierung seit dem achtzehnten Jahrhundert nicht möglich gewesen, aber oft wollten die Ländler nicht so recht. In dem Schauspiel „Bingo” von Edward Bond wird drastisch dargestellt, wie zur Shakespearezeit in merry old England die Proletarisierung der Bauern erzwungen wurde. Die Befreiung der Sklaven der ländlichen Südstaaten der USA erfolgte nicht aus humanen Motiven, sondern weil in den Fabriken des Nordens Lohnarbeiter gebraucht wurden.
Um sein Glück auf dem Land zu suchen, musste man schon in der Antike ein Stoiker sein, ein wohlhabender Intellektueller wie Seneca, der Neros Lehrer war und sich von ihm lossagte, weil er sein Denken nicht teilte. Die Romantiker, die in Gedichten und Gedanken, in Liebschaften und Freundschaften, in Euphorie und Melancholie ihr Glück suchten, hatten Geld. Sie waren Gutsbesitzer und Adlige, für deren Wohlstand daheim viele Leibeigene, später Tagelöhner, schufteten und darbten.
Wenn die Krise des Kapitals sich zur sozialen Katastrophe entwickelt, wie es vom Stuttgarter Schauspielhaus kürzlich prognostiziert wurde, kann ich allen nur raten, in Stuttgart zu bleiben. Ein warmer U-Bahn-Schacht, ein Altkleidercontainer, eine Restmülltonne vor einer Speisegaststätte ist ihnen sicher. Auf dem Dorf, so wie es in den letzten fünfzig Jahren heruntergewirtschaftet worden ist, kann man heute nur noch verhungern und erfrieren.
Es waren nicht die existenziellen Bedürfnisse, die mich in die Stadt zogen. Es war allein das kulturelle Angebot, die Möglichkeit, Kunstwerke zu studieren und stundenlang eine Wagneroper oder ein Schillerdrama über sich ergehen zu lassen. Das Dorf war mir zu primitiv, als ich um die siebzehn, achtzehn war, keine Leute, mit denen man reden konnte, keine politischen Zirkel, kein Jazzlokal, keine Eisdiele, wo die netten Mädchen mit den Pettycoats saßen. Die Mädchen auf dem Dorf dachten immer gleich ans Heiraten.
Als Einbildungsbürger wissen wir, wann das Glück ein Bestandteil politischer Diskurse wurde, nämlich in der Zeit der Aufklärung. Unvergesslich der Glückssatz in der nordamerikanischen Unabhängigkeitserklärung vom 4. Juli 1776: alle Menschen heißt es da, seien gleich erschaffen und von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten versehen worden, „worunter Leben, Freiheit und das Streben nach Glückseligkeit sind”.
Betrachten wir Floskel etwas genauer, fällt auf, dass die Gründungsväter der USA ihren Bürgern nicht das Glück versprechen. Sie versprechen nicht einmal, dass der Staat, den sie gründen wollen, die Menschen glücklich machen werde. Von der Vorstellung, dass es ein Gemeinwesen oder einen Ort geben könnte, wo die Menschen glücklich werden, sind sie weit entfernt. Sie sind Rationalisten und wissen, dass das Glück mit zu vielen Unwägbarkeiten individueller und gesellschaftlicher Natur behaftet ist, als dass irgendwer den Menschen das Glück versprechen könnte. Sie behaupten etwas Irrationales, nämlich, dass alle Menschen von ihrem Schöpfer mit unveräußerlichen Rechten versehen worden seien – und behaupten nur, das Streben nach Glück gehöre zu diesen Rechten. Ob das Streben den erwünschten Effekt haben wird, sagen sie nicht. Noch weniger sagen sie, wem das Glück zuteil werden könnte.
Das Nebeneinander von Freiheit und Glück in der Unabhängigkeitserklärung ist mir wichtig. Was hieß Freiheit in der Zeit der Aufklärung? Emanzipation der Arbeiterklasse? Deklassierung der Ausbeuterklasse? Weibliche Gleichberechtigung? Die Patres der USA waren Großgrundbesitzer, Fabrikbesitzer, Sklavenhalter. Freiheit hieß für sie Unabhängigkeit von ausländischen Mächten und die Möglichkeit, sich ungeniert zu bereichern und zu diesem Zweck ihre Arbeiter und Angestellten unverschämt auszubeuten. Danach strebten sie, das nannten sie Glück.
Nehmen wir an, Sie kommen zu mir und sagen: „Für mich hat Glück nichts mit Geld zu tun. Ich bin in meinem Schrebergarten glücklich, im Zoo, im deutschen Wald und auf der Heide. Auf dem Wasen. Im VfB-Stadion. Beim Public-Viewing auf dem Schlossplatz.” Dann könnte ich erwidern: Wenn ich an Wald denke, werde ich unglücklich. Ich fühle mich wohl in engen, verdreckten Straßenschluchten, mit vielen kleinen ausländischen Geschäften, wo es nach Döner stinkt und altem Bratfett, wo die Dropouts herumlungern und man von türkischen Jugendlichen angefrotzelt wird, wo ich mit wenig Bargeld auf die Straße gehe und die Scheckkarte zu Hause lasse.
Das ist für mich Stadt. Im Dickicht der Städte lauert mein Glück. Einige Berliner Kieze kommen dem nahe, Kreuzberg, Neukölln, auch Köln-Kalk, Köln-Ehrenfeld oder das Hamburger St.-Georgs-Viertel. In den engen Basaren von Kairo und Alexandria war ich glücklich. Das ist Leben ohne Regularien, ein Leben in Gefahr. Was mich abhält, dorthin zu ziehen, sind die Mühen und die Kosten des Umzugs.
Es ist unmöglich über Wörter wie Freiheit und Glück eine vernünftige Rede zu halten. Sie saugen alles in sich auf, was in ihrer Nähe liegt. Jeder versteht was anderes darunter. Jede Zeit versteht etwas anderes darunter. In den Favelas von Rio gibt es ein anderes Glück als im Paradies der Selbstmörder, in Finnland. Ob wir im Lotto gewinnen, dem Tod von der Schippe springen oder einen Joint rauchen – es ist die gleiche Empfindung, die wir Glück nennen. In Venedig ist mein Glück größer als in Stuttgart, in Wanne-Eickel ist es kleiner.
Wenn man Glück hat, hat das Leben einen Augenblick lang einen höheren Sinn als sonst. Die Seele versöhnt sich mit vielem für einen Augenblick. Ist ausgeglichener, versöhnlicher, harmonischer. Die Harmonie der Seele für einen Augenblick, das ist das Glück. Es gibt auch grundloses Glück. Wahrscheinlich sind „Glück haben” und „glücklich sein” nicht das Gleiche.
Man braucht kein Glück zum Leben. Und es wäre ein Irrtum zu meinen, man bräuchte heute mehr Glück als vorgestern. Die Gründe, warum einer meint, glücklich zu sein, sind unerheblich. Wichtig ist das Gefühl, glücklich zu sein und vielleicht noch jemand, zu dem wir sagen können: „Da bin ich aber glücklich.”
CHOTJEWITZ
© 2009 Stuttgarter Zeitung