Der Kabarettist zupft am Mieder der Stadt

Entertainer Michael Gaedt quert das Rotlichtviertel und erklärt, wie Stepptanz funktioniert.

Von Christine Keck

Als einer, der Stuttgart das Mieder lockert, ist er angekündigt worden. Und der Kabarettist Michael Gaedt will am Samstag beim Stadtspaziergang der Stiftung Geißstraße und der Stuttgarter Zeitung die Erwartungen nicht enttäuschen. Zwei Stunden lang zupft und zerrt der Mitbegründer der inzwischen aufgelösten Kleinen Tierschau an der Korsage der Landeshauptstadt. Er macht sich verbal an den Hakenleisten und Stäbchenbändern zu schaffen und webt ganz nebenbei bei seinen Ausführungen und Abschweifungen nicht nur die halbe Tourgeschichte der schwäbischen Kleinkunsttruppe ein, sondern entblättert auch sich selbst.

Weil vornehme Zurückhaltung so ziemlich das Letzte ist, was Michael Gaedt auszeichnet, ist nun endlich geklärt, wie es der Comedian ins Fernsehen geschafft und eine Nebenrolle in der Krimiserie Soko Stuttgart ergattert hat. Noch am Startpunkt der Führung beim Hans-im-Glück-Brunnen erzählt Gaedt von den Debatten am Frühstückstisch. Seine Frau habe es ihm immer wieder gesagt: „Melde dich bei den Produzenten, die wissen doch gar nicht, dass es dich gibt.” Irgendwann sei ihm klar geworden: „Wenn das Projekt ein Erfolg werden soll, führt kein Weg an mir vorbei.” Er schickte eine Bewerbung per E-Mail. Ein Volltreffer.

Foto: Horst Rudel

Zum ersten Soko-Casting sei er in weiße Schlangenlederstiefel geschlüpft und auf seiner goldenen Harley-Davidson mit Louis-Vuitton-Sattel angerauscht, erzählt Gaedt. Er bekam den Zuschlag als Zuhälter und wurde zu weiteren Aufnahmen eingeladen. Das Drehen sei eine einzige Geduldsprobe gewesen, stöhnt der Kabarettist. „Erst wirst du für 11 Uhr bestellt, dann wartest du stundenlang. Und wenn du endlich um 19 Uhr dran bist, merkst du gleich nach dem ersten Satz, dass die Crew gerne Feierabend machen würde.”

Die Lacher sind dem Situationskomiker sicher. Er hat sich in Schale geworfen für die Führung – trägt seinen Waschbärpelz und die gelbe Sonnenbrille. Und marschiert über hässliche „Eierkarton-Fassaden” lästernd durch die Geißstraße in Richtung Polizeiwache an der Hauptstätter Straße. Zwischendurch erzählt er, in welchem Nachtclub er seiner Frau den Heiratsantrag gemacht hat und bezieht en passant in seine Anekdoten zwei zufällig vorbeigehende Beamten mit ein. Er schlägt vor, Stuttgart ein neues Wahrzeichen zu setzen. Warum nicht den Eiffelturm klauen? Oder vielleicht doch besser die Hauptachse, die durch die Stadt führt, fluten. „Bei den Mineralbädern anfangen und ein bisschen Wasser herüberleiten”, ulkt Gaedt und erhofft sich eines Tages zumindest ein Bronzetäfelchen für seine Stadtverschönerungsideen.

Mittlerweile sind die spazierenden Fans dem Charme des haarigen Comedians erlegen. Sie folgen ergeben dem Pelzträger, nicht einmal mehr rote Ampeln oder strömender Regen halten sie auf. Gaedt zieht es in den Rotlichtbezirk, wo er eine seiner größten Schlappen erlebt habe, wie er freimütig erzählt. Die hat mit seinem Testosteronspiegel und männlichen Versagensängsten nur am Rande zu tun. Sie dreht sich eher darum, wie die Kleine Tierschau einst versucht hat, auf Einladung der Stadt Stuttgart das verwaiste Gustav-Siegle-Haus mit Leben zu füllen und letztlich an nervigen Bürokratismen scheiterte.

Es schüttet mittlerweile, und Gaedt legt dennoch weiter nach. Ein Kalauer nach dem anderen, noch kurz die Geschichte, wie es dazu kam, dass er den Hells Angels 3500 Dosen finnisches Bier geschenkt hat. Und zum Abschluss der Tour unterm Dach des Theaters tri-bühne eine kurze Einführung in den Stepptanz. „Du musst nur das Runterfallen auf die Erde richtig steuern”, erklärt Gaedt das tänzerische Spiel mit der Schwerkraft und trippelt leichtfüßig auf einer Holzbank hin und her. Seine Zuschauer zücken die Kameras. Die Show ist vorbei, die Spaziergänge für dieses Jahr sind es auch. Ende Februar 2010 gehe es mit der nächsten Staffel weiter, verspricht Michael Kienzle von der Stiftung Geißstraße. Das Programm wird noch bekanntgegeben.

© 2009 Stuttgarter Zeitung