Von Erik Raidt
Was Müßiggang und Mathematik gemein haben? Nichts für die meisten Menschen, die sich schon einmal den Kopf über binomische Formeln und Kurvendiskussionen zerbrochen haben. Für Bertram Maurer sieht das anders aus. Der Mathematiker und Germanist tritt an, Gegensätzliches miteinander zu versöhnen: Mathematik und Humor. An diesem Samstagmorgen steht ihm das Vergnügen ins Gesicht geschrieben, als er am Hans-im-Glück-Brunnen seinen Stadtspaziergang in der Reihe der Stiftung Geißstraße und der Stuttgarter Zeitung beginnt.
Maurer steht mitten im Altstadtensemble und verteilt an die 44 Flaneure ein zirkelartiges Gerät, mit dem er am lebenden Objekt den Abstand von der Nase zum Kinn vermisst, um zu belegen: der goldene Schnitt, jenes aus Kunst und Architektur bekannte „ideale” Größenverhältnis von 38 zu 62 Prozent, findet sich überall. Kaum hat er die Köpfe vermessen, schon stellt er einen größeren Zirkel vor einen Herrn: Tatsächlich, der Bauchnabel teilt den Mann vom Scheitel bis zum Fuß ebenfalls im Verhältnis von 38 zu 62 Prozent.

Auf der Suche nach dem goldenen Schnitt: Bertram Maurer misst nach. Foto: factum/Granville
Angesichts dieses leicht zu durchschauenden Beweises, lockern sich bei vielen Zuhörern Verkrampfungen, die sie seit ihrer Kindheit belasten. So beichtet Michael Kienzle, Grünen-Stadtrat und Vorstand der Stiftung Geißstraße, von einer „durch die Mathematik bedrohten Schulkarriere”. Und auch wenn manche in der Gruppe ähnliche Schatten in ihrer Vergangenheit kennen, wischt Bertram Maurer, die „Ich-habe-nie-wieder-etwas-mit-Mathematik-zu-tun-gehabt-Haltung” mit Verve beiseite. Mathematik ist überall, sie durchdringt den Alltag, auch wenn wir sie geflissentlich ignorieren.
So führt er die Gruppe auf den Marktplatz, steigt auf eine Bank und verkündet folgende These: „Der Marktplatz steht unter dem Diktat des Quadrats.” Die Stadtspaziergänger sehen plötzlich überall Quadrate: die Fenster des Rathauses – quadratisch. Genau wie die Uhr auf dem Rathausturm, wie die Struktur des Pflasters auf dem Marktplatz, wo auf jedem Quadrat exakt vier Fahnenstangen emporragen. Mathematik, das lernen Maurers Zuhörer, ist oft eine Frage der Perspektive. So deutet der Lehrer auf den achteckigen Brunnen vor dem Kaufhaus Breuninger und sieht auch in diesem eine Bestätigung für seine These: Ein Achteck, so Maurer, sei schließlich nichts anderes, als ein Quadrat mit abgebissenen Ecken. Wohl bekomm’s.
Vom Quadrat ist es für Maurer nur ein winziger Gedankensprung zum Würfel. Und damit von der zweiten in die dritte Dimension. So erkennen die Zuhörer, was manche Architekten schon lange ahnen: Stuttgart steht nicht nur unter dem Diktat des Quadrats, die Stadt ist geradezu würfelsüchtig. Maurer führt das Kunstmuseum als Beispiel an, die neue Bibliothek am Mailänder Platz, die Würfel am Börsenplatz und den Würfel des Landtags. Wobei sich spätestens beim letzten Beispiel die eine oder andere Augenbraue im Publikum asymmetrisch hebt. Doch Maurer bleibt dabei, die Grundfläche des Landtags sei ein Würfel, das Objekt sei eben – wie bei vielen Architekturwürfeln – flacher ausgefallen.
Schon dreht Maurer das Zahlenspiel ein Stück weiter. Er erzählt von der Krümmung der Kurven auf dem Charlottenplatz, findet den goldenen Schnitt in den Verstrebungen von Fenstern und begründet auch, warum dieses Größenverhältnis immer wieder im Stadtbild auftaucht: „Wir empfinden es deswegen als schön, weil es unserer millionenfachen Seherfahrung entspricht.” Nach zwei Stunden beendet Bertram Maurer seine Open-Air-Mathematikrunde. Selten hat Mathematik so wenig wehgetan wie an diesem Samstag, an dem die Zahlenspiele nicht von Quadratschädeln vermittelt wurden.
RAIDT