Stadtspaziergang Susanne Eisenmann zeigt ihr kulturelles Stuttgart. Die Eisbahn auf dem Schlossplatz gehört nicht dazu.
Wenn man aus dem Rathaus kommt, ist man bekanntlich schlauer. Diese Feststellung haben die Teilnehmer am Ende des von der Stiftung Geißstraße und der Stuttgarter Zeitung durchgeführten Stadtspaziergangs durch die Stuttgarter City am Samstag gewonnen, obwohl sie bei der Tour nur bis zur Rathauspforte gekommen waren. Der Initiator, Stiftungschef und Grünen-Stadtrat Michael Kienzle, hatte jedoch dieses Mal die Kulturbürgermeisterin Susanne Eisenmann für die Führung gewonnen, die Wissenswertes aus der Schaltzentrale berichtete. Sie hatte Stationen wie den Standort des ehemaligen Hotels Silber, die Stiftskirche mit ihrer umstrittenen Innenarchitektur und das Gustav-Siegle-Haus im Rotlichviertel ausgewählt, weil sie ihr geeignet erschienen, das Spannungsverhältnis zwischen Kultur und Kommunalpolitik zu beschreiben.
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Außerdem gewährte sie exklusiv Einblicke in das Seelenleben einer Referentin, die im August beauftragt worden war, ein Konzept vorzulegen, mit dem sich fünf Millionen Euro an Zuschüssen im Kulturbereich einsparen ließen – und das, obwohl jede einzelne Einrichtung der Auffassung ist, sie müsste nicht weniger, sondern stärker gefördert werden. Vor dem Hintergrund der sich verschlechternden Finanzsituation der Stadt hat sich die Bürgermeisterin für Kultur, Bildung und Sport also gezwungen gesehen, den Rotstift anzusetzen.
Das Streichkonzert belaste sie; noch schlimmer wiege allerdings der Vorwurf, die Kürzungen erfolgten leichtfertig. „Keine einzige Sparmaßnahme ist ein Ausdruck mangelnder Wertschätzung”, erklärte Eisenmann den Stadtspaziergängern auf dem Schillerplatz. Der Ort war gut gewählt. Mit Blick auf den Dichter erläuterte sie nämlich, dass die Schillergesellschaft in Marbach künftig ohne Geldspritze der Landeshauptstadt auskommen müsse. Auf der Planie verdeutlichte sie, wie Land und Stadt sich bei der Unterstützung der Einrichtungen ergänzten. Häufig fließen von beiden Seiten Gelder, beispielsweise rund 80 Millionen Euro für die Staatstheater. In anderen Fällen aber seien die Aufgaben getrennt. Das Württembergische Landesmuseum im Alten Schloss zum Beispiel hängt am Tropf des Landes, während das von der Bürgermeisterin hochgeschätzte Kunstmuseum den städtischen Haushalt belaste.
Dass die gerade aufgebaute Budenstadt mit Eisbahn den Spaziergängern den Blick aufs Museum und den Königsbau versperrte, veranlasste die Bürgermeisterin zur Klarstellung, das sei „kein kulturpolitisches Highlight” und falle deshalb auch nicht in ihre Verantwortung. Der „Wintertraum” ist für sie nur ein weiteres Beleg einer „falschen Sicht auf Fläche”. Nicht jeder Platz müsse unbedingt zugestellt werden. Es sei denn, es geschehe mit einer Calder-Plastik.
Eisenmann erinnerte an die Debatte über die Notwendigkeit von Kunst im öffentlichen Raum und den Ausspruch von Alt-OB Rommel „Es kann im Wert nur steigen”, weil man ihm die Verschwendung von Steuergeldern vorgeworfen hatte.
In Sachen Stadtmuseum konnte die Kulturbürgermeisterin beim Spaziergang nichts Neues berichten; die nötigen 36 Millionen Euro, die für den Umbau und die Einrichtung im Wilhelmspalais benötigt würden, sind nicht da. Erfreulich sei jedoch der Neubau der Bibliothek 21 hinterm Hauptbahnhof – übrigens auch für die Musikbücherei am Charlottenplatz, die Eisenmann gezielt angesteuert hatte. Diese platzt mit ihrem Angebot von 110 000 Medien aus allen Nähten.
Umstritten ist die Haltung der Bürgermeisterin, das Gebäude am Standort des ehemaligen Hotels Silber, das während des Kriegs als Gestapozentrale gedient hatte, nicht erhalten zu wollen. Sie setzt sich für einen Gedenkraum im Keller ein, wo Gefangene gefoltert und ermordet worden waren; einen Erhalt des Gebäudes erachtet sie nicht für nötig, da von der historischen Bausubstanz nichts mehr übrig sei. Der Rundgang endete im Gustav-Siegle-Haus, dem Domizil der Philharmoniker. Dass sich deren Publikum gelegentlich von Wohnsitzlosen, die gegenüber in der Leonhardskirche verköstigt werden, gestört fühlt, hält die Bürgermeisterin für „befruchtend”. Kultur müsse sich diesem Diskurs stellen und „auch dort hingehen, wo es wehtut”.
KRULJAC
© 2009 Stuttgarter Zeitung