Der Schauspielchef Hasko Weber spürt zusammen mit anderen Flaneuren interessanten Orten nach.
Für den Kulturmenschen Hasko Weber ist es ein kleiner Kulturschock gewesen, als er im Mai 2000 das erste Mal Stuttgart besuchte. Weber kam mit dem Zug an und ging durch die Königstraße. Vorbei an bestens situierten Menschen, beladen mit teuren Einkäufen. „Die Menschen sahen irgendwie viel gesünder aus als in Dresden”, erzählt der Intendant des Stuttgarter Schauspiels. An diesem ersten Tag ist Weber damals auch zufällig in der Stuttgarter Markthalle gelandet – und deshalb ist es auch kein Zufall, dass die Markthalle eine Station auf seinem Stadtspaziergang ist. „Für mich ist das hier so ein Wohlstandsschnittpunkt”, sagt Weber.
Foto: factum/Granville

Es ist das erste Mal, dass der Theaterregisseur im Rahmen der von der Stiftung Geißstraße und der Stuttgarter Zeitung organisierten Reihe am Samstag in die Rolle eines Stadtführers schlüpft. Am Rathaus, seinem ersten Stopp, hat Hasko Weber bereits über den Widerstand gegen die städtischen Sparvorschläge berichtet. Das Gemeinschaftsgefühl der Kulturschaffenden während der Art Parade am 19. November 2009 hat ihn beeindruckt.
Vom Eckensee aus blickt der Intendant wenig später mit den Flaneuren auf sein eigenes Haus, das von Ende Juli an saniert werden soll. Kollegen würden immer „grün vor Neid”, wenn sie diese Idylle rund um den See erblickten. Als ihm die Nachfolge von Friedrich Schirmer angetragen wurde, habe er sich erstmal auf die Wiese gesetzt und das Gebäude ganz bewusst von außen auf sich wirken lassen. Die Transparenz der Architektur, dieses Durchlässige in beide Richtungen, sei auch ein philosophischer Ansatz der eigenen Arbeit, erzählt der Intendant. Die Bauarbeiten, die Ende Juli beginnen, sind für Weber eine „ganz große Sache”. Es passiere einem vielleicht einmal im Leben, so einen Umbau mitzuerleben und mitzugestalten. Nur – was ist, wenn die Arbeiten nach einem Jahr nicht abgeschlossen sind? Weber ist derzeit mit der Planung der Spielzeiten 2011/12 und 2012/13 beschäftigt und im Gespräch mit Regisseuren. So viel verrät er inhaltlich bereits: Schiller werde ein Thema sein.
Von der räumlichen Interims-Lösung in der ehemaligen Mercedes-Niederlassung an der Türlenstraße ist Hasko Weber begeistert. Das neue Zuhause des Stuttgarter Schauspiels ist der Schlusspunkt und auch der Höhepunkt seiner Führung.
Es riecht nach Holz und Staub. An die Zeit, als hier einmal Luxuslimousinen verkauft wurden, erinnert noch ein alter Werbeschriftzug: „Schauen Sie in die Zukunft” – der Spruch aus der Vergangenheit passt perfekt zum Moment. Die Böden aus Fichtenholz für die drei Bühnen sind schon verlegt. „Das hält für eineinhalb Jahre”, sagt Weber und schlendert quer über die „Arena”, wie die größte Bühne genannt wird – 450 Zuschauer werden in dem Raum Platz finden. Die Bühne ist fast doppelt so tief wie die im Schauspielhaus. Eine Herausforderung für die Schauspieler und den Regisseur. Der erste wird Hasko Weber selbst sein – er inszeniert Heiner Müllers „Der Bau”.
Gegen den Lärm der Heilbronner Straße können sie nichts ausrichten. Und wenn der Regen stark auf die Dachfenster trommelt, müssen sie auch mal eine Vorstellung unterbrechen. „Aber das ist doch charmant”, sagt Weber. Diese positive Art, mit Herausforderungen umzugehen, kommt am Samstag bei der Führung an.
„Sehr interessant”, lautet anschließend das Urteil von Ingrid Günther aus Ditzingen, die besonders den letzten Halt spannend fand. Sie hätte nie gedacht, dass das Gebäude von innen so groß ist.
VOLLAND
© 2010 Stuttgarter Zeitung