Geld allein macht nicht glücklich. Zu viel Geld kann gar zu Hochmut führen. Aber ohne materiellen Wohlstand bleiben Gerechtigkeit und Kultur eine Utopie.
Auf Einladung der Stuttgarter Zeitung und der Stiftung Geißstraße 7 haben sich sieben Autoren auf die Suche nach ihrem persönlichen Glück gemacht. Die Beiträge dokumentieren wir in lockerer Folge.
Heute in gekürzter Fassung der Text des Bankers Christian Brand.
Die Einladung zur Reflexion über die beiden Begriffe Glück und Geld ist für mich ein Anstoß, mich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Warum das? Weil mein Eindruck ist, dass auch dann, wenn wir nicht von Glück und Geld reden, gilt: wer sich auf das Wesentliche konzentriert, ist glücklich, und zwar ganz unabhängig vom Alter oder sonstigen Lebensumständen.
Aber was ist das Wesentliche? Das Glück oder das Geld? Meine täglichen Gedanken kreisen, wie man es von einem Bankchef erwartet, um das Geld. Aber schließlich bin ich 1949 geboren und kenne den alten Song der Beatles, die einst schon wussten: „Money can“t buy me Love”. Geld kann durchaus dabei helfen, dass man glücklich wird. Es kann einem aber auch im Wege stehen. Vielleicht ist es, um im Jargon der Banker zu bleiben, eine Frage des Rankings? (. . .)
Gold und Geld oder der Besitz, den man für sie eintauschen kann, ist nicht das, was zwingend zum Glück führt. Geld kann im Wege stehen, wenn es darum geht, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren: die Familie, den Partner, die Freunde, andere Menschen, den Geist, der den Menschen ausmacht, ebenso wie die reine Luft zum Atmen, das gute Brot zum Essen. Geld birgt immer auch die Gefahr, dass es das Glück verdrängt, dass wir es dort nicht mehr spüren und erkennen, wo es uns jeden Tag begegnet. Dann lähmt das Geld das Glück, ja, es verdrängt die eigentlich wichtigen Inhalte, es wird zum Ballast.
Die Finanzkrise zeigt: diejenigen Banken, die sich auf ihre eigentlichen Aufgaben konzentriert haben, nämlich erstklassiges Geschäft im Dienste guter Kunden anzubieten, kommen mit Anstand durch die Krise. Andere Häuser müssen sich schmerzhaft auf ihren eigentlichen Zweck zurückbesinnen. Der damit verbundene Kater kostet Arbeitsplätze und Kapital.
Ja, wir alle, gerade auch wir Banker müssen uns auf das Wesentliche konzentrieren. Wir müssen uns bewusst sein, dass die Auswirkungen unserer Arbeit auf die Gemeinschaft groß sind. Die Landesbanken zum Beispiel sind für die mittelständischen Unternehmen unverzichtbar. Denn sie vergeben mehr Firmenkredite als alle Großbanken zusammen. Auch die L-Bank konzentriert sich aufs Wesentliche: Unsere gestiegene Ertragskraft setzen wir dafür ein, unsere Aufgaben fürs Land zu erfüllen. Also dafür, dass Familien mit Wohnraum versorgt werden und die Arbeitsplätze bei unseren Unternehmenskunden sicher sind. So haben wir auch während der Krise die Zahl der Arbeitsplätze in der L-Bank um zehn Prozent erhöht. Das zeigt: Konzentration aufs Wesentliche ist nicht mit Beschränkung oder Einschränkung zu verwechseln. Im Gegenteil wachsen aus dieser Konzentration auch neue Entwicklungen.
Wesentlich ist also, dass man sich, seinen Aufgaben und Zielen treu bleibt, dass man sie mit aller Kraft verfolgt. Dazu gehört aber auch, dass man wichtig von unwichtig unterscheidet. Zu diesen wichtigen Aufgaben und Zielen zählt für mich, dass wir in Frieden, Freiheit und Gesundheit leben können. Aber was passiert, wenn uns die materiellen Grundlagen dazu entzogen werden? Wenn wir hungern oder frieren? Was geschieht, wenn das Geld für die Ausbildung unserer Kinder nicht mehr da ist, wenn der Erhalt der Gesundheit nicht mehr bezahlbar ist, wenn sich Massenarbeitslosigkeit ausbreitet, Depression und Inflation drohen? Die deutsche Geschichte zeigt, wie fragil unsere Gesellschaft ist.
Krisen können für die Jugend durchaus stimulierend wirken. Wenn eingefahrene Raster aufbrechen, werden Kräfte freigesetzt, neue Möglichkeiten entstehen. So entstehen auch Chancen für Neues. Krisen können aber ebenso Potenziale vernichten und damit zu schlimmen Depressionen und Aggressionen führen. Denn ganz ohne materielle Basis ist es kaum möglich, Potenziale zu entwickeln. Ohne Geld wird glücklich sein schwierig.
Also betrachten wir jetzt das Geld und die Banker: Können Banker glücklich sein? Bekanntlich geht doch eher ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Banker in den Himmel kommt. Nun, ich glaube schon, dass auch Banker glücklich sein können, wahrscheinlich gibt es sogar welche, die in den Himmel kommen. Aber es braucht Disziplin und Demut. Fassen wir uns doch alle mal an die eigene Nase: Die Jagd nach materiellen Zielen macht auf Dauer niemanden glücklich, besonders dann nicht, wenn man sich dabei danebenbenimmt. Offen gesagt, mancher unter uns hat aus Gier und Hemmungslosigkeit viel Mist gebaut. Wir sollten uns alle stärker mit dem Spannungsfeld von Erfolg, Gier und Hemmungslosigkeit auseinandersetzen. Wann wird die Orientierung am Erfolg zur Gier? Woher kommt diese Ambivalenz, die positive Absichten in ihr Gegenteil umschlagen lässt?
Wer sehr intensiv und konzentriert ein Ziel verfolgt, übertreibt leicht. Dann wird, während man ohne es zu merken übers Ziel hinausschießt, Tugend zu Untugend. Das gilt für immaterielle und materielle Ziele gleichermaßen. Hochmut, Arroganz und Eitelkeit können den asketischen Intellektuellen genauso befallen wie den einfältigen Geist, der der Geldgier verfallen ist. In ihrer Auswirkung liegen die Arroganz der Macht, des Kapitals und der Intellektuellen dicht beieinander. Dagegen helfen Erdung und gesundes Maßhalten. Wer sich so selbst beschränkt und ebenso konsequent wie diszipliniert seine Ziele verfolgt, schafft Freiraum für Glück.
Maß halten gilt also auch beim Geld, denn zu viel kann müde und bequem machen. Wir leben in einer reichen Gesellschaft, und reiche Gesellschaften sind immer in der Gefahr, träge zu werden. Wir müssen hier wachsam sein, denn wir haben die große Verpflichtung, unsere Kinder aufmerksam und neugierig auf das Leben und die Welt zu erziehen. Wir müssen ihnen lohnende Ziele geben und sie dabei unterstützen, neue, eigene Ziele zu finden, immaterielle genauso wie materielle. Nur so können wir unsere Kultur lebendig erhalten und weiterentwickeln. (. . .)
Die Verantwortung für die Zukunft beginnt im kleinen Rahmen bei jedem Einzelnen. So ist es wichtig, das Familienvermögen zusammenzuhalten für die Ausbildung der Kinder, als Hilfe bei Krankheit und im Alter. Die Generationen stehen gegenseitig in der Verantwortung, auch hier gilt es die Balance zu halten. Wir dürfen nicht auf Kosten der folgenden Generationen leben, aber auf Dauer ist Nachhaltigkeit ohne Wachstum nur schwer zu erreichen. Wir brauchen Wachstum. Gehen Sie in den Wald und sehen Sie, wie aus dem Altholz neues Leben sprießt. Wie ein Baum untergeht, wenn er nicht der Sonne entgegenwächst. Die Bäume stehen im Verbund und zugleich im Wettbewerb zueinander. Sie schützen einander gegen Stürme und nehmen sich das Licht, wenn sie zu eng stehen.
Auch hier kommt es auf das rechte Maß an. So ist es für mich kaufmännisch unverständlich, wenn sich jemand ein großes Auto auf Pump kauft. Aber auch die These „Geiz ist geil” ist falsch. Nur zu sparen und Meister des Ersparten zu sein, funktioniert nicht. Unsere Gesellschaft und unsere Wirtschaft brauchen Wachstum auch im Konsum, um Arbeitsplätze zu halten. Es reicht nicht, jetzt zu hoffen, dass uns Amerikaner und Asiaten durch Kauf unserer technisch hochentwickelten Güter aus der Patsche helfen. Wir brauchen ein Wachstum der Bevölkerung, wir brauchen mehr Kinder. Wir brauchen dieses Wachstum, um unsere Sozialsysteme gesund zu halten. So kommt dieses Wachstum den Schwachen in der Gesellschaft zuerst zugute.
Zahlreiche Studien haben belegt, dass Lebenszufriedenheit und Lebenserwartung abhängig sind von der sozialen Gerechtigkeit in einer Gesellschaft. Es ist nicht der absolute Wohlstand, sondern die gefühlte Gerechtigkeit, die die Erfahrung von Glück bestimmt. Einige Länder haben es auf diese Weise geschafft, im Verhältnis zu ihren geringen Mitteln viel Wohlbefinden in der Bevölkerung zu schaffen. Diese Gesellschaften streben tragfähige soziale Netze an. Wir alle wissen, dass sich das gesellschaftliche Netz auflöst, wenn die sozialen Gegensätze zu groß werden.
Das bedeutet nicht, dass Leistung nicht gewürdigt werden darf. Denn Leistung, die sich auf das Wesentliche konzentriert, dient immer auch dem gesellschaftlichen Ganzen. So betrachtet kann Geld durchaus dem Glück dienen.
HEINZELMANN
© 2009 Stuttgarter Zeitung