Von Thomas Borgmann
Der Historiker Peter Poguntke erläutert sein Buch über die Straßennamen in der NS-Zeit.
Arnulf Klett, Stuttgarts legendärer Oberbürgermeister der Nachkriegszeit, brauchte gar nicht lange nachzudenken – der Fall war für ihn sonnenklar: „Die von der nationalsozialistischen Herrschaft zur eigenen Verherrlichung eingeführten Straßennamen und Häuserbezeichnungen sind aufgehoben.” So lautete, kurz und bündig, seine schriftliche Anordnung vom 28. Mai 1945 an die eigene Verwaltung. Bereits am 6. Mai, zwei Tage vor der offiziellen Kapitulation des Dritten Reiches, war Klett aus eigener Überzeugung dem Befehl der französischen Besatzungsmacht gefolgt und hatte verfügt, dass der Name Adolf Hitler von Straßen und Plätzen verbannt wird.
Der Historiker Peter Poguntke, Lehrbeauftragter am Historischen Institut der Uni Stuttgart, hat dies und vieles andere jetzt im Auftrag des Stadtarchivs zutage gefördert und in einem schmalen Textband untersucht und eingeordnet: „Braune Feldzeichen – Stuttgarter Straßennamen in der NS-Zeit und der Umgang nach 1945” lautet der Titel; es ist der Band 105 in der langen Reihe der Veröffentlichungen des Archivs.

Auf den Spuren alter Stuttgarter Straßennamen hat der Buchautor Peter Poguntke (Mitte) seine Zuhörer zwei Stunden lang durch die Innenstadt geführt. Foto von: Achim Zweygarth
Bei herrlichem Herbstwetter hat Peter Poguntke vergangenen Samstag drei Dutzend interessierte Bürgerinnen und Bürger zu markanten Orten in der Innenstadt geführt, die während des Dritten Reiches den vermeintlichen Helden der Nazizeit gewidmet waren. Im Rahmen des von der Stiftung Geißstraße und der Stuttgarter Zeitung gemeinsam veranstalteten Stadtspazierganges sagte der Historiker: „Gerade die Straßennamen sind ein Teil unserer kollektiven Erinnerung. Sie waren stets ein vermintes geschichtlich-politisches Terrain.”
Der Stuttgarter Oberbürgermeister, der als Anwalt Gegner des Naziregimes verteidigt und selbst eine Zeit lang in sogenannter Schutzhaft auf dem Heuberg gesessen hatte, sorgte übrigens 1945 für eine Besonderheit: Weitaus früher als anderswo ehrte er namhafte Köpfe des Widerstandes gegen Hitler und des Attentats vom 20. Juli 1944 durch die Benennung von Straßen: Wilhelm Goerdeler, den OB von Leipzig, Claus Graf Schenk von Stauffenberg, den eigentlichen Attentäter, sowie den früheren württembergischen Staatspräsidenten Eugen Bolz. Aber auch Thomas Mann, den viele Deutsche damals kritisch sahen, weil er in die USA emigriert und nicht in der Heimat geblieben war, ließ Klett ehren. In seiner Verfügung vom Mai 1945 heißt es: „Das Andenken an diese mutigen Männer, die ihrem Volk an verantwortlicher Stelle jahrelang treue Dienste geleistet haben, soll bei uns allen als Vorbild und Verpflichtung lebendig bleiben.”
Diese frühen Konsequenzen aus der NS-Zeit sind freilich nur ein Teil der Forschung, die Peter Poguntke im hiesigen Stadtarchiv, aber auch in Köln und München betrieben hat – drei Großstädte, die er im Blick auf die Straßennamen vor, während und nach dem „tausendjährigen Reich” miteinander vergleicht. Es ist spannend und aufschlussreich zu lesen, wie sich die Namen für Plätze und Straßen aus der monarchischen Zeit, dem Ersten Weltkrieg, der Weimarer Republik und eben der Jahre von 1933 bis 1945 wandeln, wie sie auftauchen und wieder verschwinden. Königstreue und politische Propaganda vermischen sich, es gibt harmlose Nostalgie und erbitterten Streit.
Peter Poguntke ist beispielsweise strikt der Ansicht, „dass der Name des Generalfeldmarschalls Paul von Hindenburg bei uns nichts mehr zu suchen hat”. In mancher deutschen Stadt, auch in Stuttgart, hat es diesen Namen lange Zeit gegeben; der Hindenburgbau gegenüber dem Hauptbahnhof hat seinen Namenszug vor noch nicht allzu langer Zeit verloren. Zugleich erstaunt es den Historiker , „dass der Name von Ernst Thälmann, dem Vorsitzenden der Kommunistischen Partei, nach 1945 erst auf Straßenschilder geschrieben, wenig später aber wieder getilgt worden ist”. Denn Thälmann sei nachweislich ein Widerstandskämpfer gewesen, 1944 ermordet im KZ Buchenwald.
Die Straßennamen waren und bleiben allerorten ein heikles Thema. Das zeigt etwa der Fall der Treitschke-Straße in Sillenbuch, wo man den antisemitischen Denker des 19. Jahrhunderts erst im März 2010 durch den verdienten Naziankläger Fritz Bauer ersetzt hat.
Buchdaten Peter Poguntke, „Braune Feldzeichen”, 141 Seiten, Veröffentlichung des Stadtarchivs, Hohenheim Verlag, 15 Euro
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