Spaziergang Jeder Wasserspender in der Stadt hat seine Geschichte. Eine Stiftung kümmert sich darum.
Der Brunnen, ein Fels in den Fluten der Zeit für die Menschen, die ihn umgeben? Von wegen! Die überraschende Erkenntnis aus dem von der Stiftung Geißstraße und der StZ veranstalteten Stadtspaziergang am Samstag lautet: Brunnen können im Laufe ihrer Existenz ausgesprochen mobil sein, und nicht wenige der Stuttgarter Wasserspender sind in den vergangenen Jahrzehnten diverse Male umgesetzt worden.

Zum Beispiel der Marktbrunnen: 1704 gegossen, stand er zunächst im alten Schlossgarten, musste von dort aber weichen, als der Paradeplatz erweitert wurde. 1761 schenkte der Herzog Carl Eugen den Brunnen der Stadt, und das gute Stück kam auf den Marktplatz. 1901 dann der nächste Umzug auf den Wilhelmsplatz, weil das neue Rathaus gebaut wurde. Erst mit der Neugestaltung des Marktplatzes kehrte der Brunnen wieder zurück.
Wer sich wie die drei Dutzend Teilnehmer des Stadtspaziergangs mit Peter Haller auf den Weg durch die Innenstadt macht, genießt fortan einen neuen Blick auf die Dinge. Denn Haller ist einer, der fast alles weiß über die hiesigen Brunnen, was nicht verwundert: Im Jahr 2002 gründete er gemeinsam mit Herbert Rau die Stiftung Stuttgarter Brünnele und setzt sich seither für die Restaurierung alter Brunnen ein, tatkräftig unterstützt vom städtischen Brunnenmeister Bernd Sauer. Rund 250 Wasserspender sind offiziell erfasst, aber Haller glaubt, dass es wesentlich mehr sind, ungefähr 320. „Viele Brunnen fristen in den Innenhöfen ein Schattendasein”, sagt Haller.
Andere allerdings stehen an belebten Orten und werden trotzdem übersehen, wie etwa der Sparkassen-Brunnen an der Ecke Stiftstraße und Grabenstraße, der 1919, als er gebaut wurde, noch ganz anders ausgesehen hat. Da zierte ein Stuttgarter Rössle den Wasserspender, unter einem Vorderhuf befand sich ein Geldstück. Die Münze, sagt Peter Haller, sei wohl im Krieg verloren gegangen, als der Brunnen zerstört wurde, und liegt unter den Bergen von Schutt, die nach dem Krieg aus der Stadt geschafft worden sind. Heute ziert eine kniende Frauengestalt den wieder aufgebauten Brunnen und hält als Geste des Erntesegens Weinreben in die Höhe. Ob denn die barbusige Dame direkt vor der Stiftskirche seinerzeit nicht Skandal gemacht habe, möchte einer der Teilnehmer wissen. Peter Haller weiß: erstaunlicherweise hat im so prüden Nachkriegsdeutschland niemand daran Anstoß genommen.
Es geht weiter auf dem Stadtspaziergang, zum Ceresbrunnen in der Markthalle, der erst seit März wieder sprudelt, nachdem der Förderverein Alt-Stuttgart sich jahrelang darum bemüht hatte, das gute Stück nach alten Fotos nachformen zu lassen. Es geht fort hinter das Neue Schloss, wo die Spaziergänger erfahren, dass der dort stehende Akademiebrunnen ein Pendant hat, das im Innenhof des Ludwigsburger Residenzschlosses steht.
Seinen Abschluss findet Hallers sehr persönlicher Rundgang an einem der ältesten Monumentalbrunnen der Landeshauptstadt, der Galatea am Eugensplatz. Sie ist völlig marode gewesen, als sich die Stiftung Stuttgarter Brünnele ihrer annahm. Heute sprudelt sie wieder munter vor sich hin.
Alles über die Stiftung Stuttgarter Brünnele ist im Internet zu finden:
www.stiftung-stuttgarter-bruennele.de
GRÜNEBERG
© 2009 Stuttgarter Zeitung